Erste Eindrücke von Südfrankreich

es ist soweit, die letzte Etappe meiner Studienjahre ist angebrochen. Mich von Eltern und der aufgeräumten, beschaulichen bayerischen Landschaft verabschiedet und mit diesem Cocktail aus Erwartung, gieriger Lust auf Neubeginn, auf neue Möglichkeiten der Entfaltung, Hoffnungen und auch Ungewissheit über endlose Wolkenmeere und -berge in Richtung französische Riviera geflogen. Der Lächerlichkeit meines Eingehülltseins in auf Herbst angepasste Klamotten wurde mir alsbald bewusst, als ich an der Promenade des Anglais vom Bus aus eine Menge Sonnenanbeter halbnackt am Strand liegen sah. Ausstieg am Busbahnhof, dort ein letzter Blick auf die klaren Linien moderner und weitläufiger französischer Stadtbilder, bevor sich die Gassen in der ocker- und ziegelrotfarbenen Altstadt wüst verweben und es einem schwindelt vor visuellen und geruchlichen Eindrücken, die sich am Grunde der schmalen hohen Zwischenräume der Häuser auf kleinstem Raum zusammendrängen. Zwei Straßen weiter unten der Blumenmarkt mit seinen Buch-, Antiquitäten und Krempelhändlern, dann taucht gleich hinter einem Torbogen das weite, glitzernde Meer auf. Ein paar Straßen weiter oben steigt der Schlosshügel an, dessen grüne Bewucherung aus Pinien und anderem Laub sich an ihn schmiegt.

In einer größeren Gasse voller Menschen, die herumlaufen oder vor einem der zahlreichen Cafés sitzen finde ich schließlich die Tür mit der Nummer 26 jener rue de la Préfecture, die mir die Stimme am Telephon genannt hatte. Die Stimme ging auch an den Summer, um sich fünf Etagen weiter, 94 Stufen durch ein langes Treppenhaus mit massiven ockerfarbenen Torbogen, Nischen und soliden tiefschwarzen Treppen als netter Südfranzose herausstellte. Freundliche, vertrauenerweckende Augen mit einem etwas traurigen Ausdruck, und der leichte Schweißgeruch, der ihn umgibt, sollte sich später mit dem Nichtfunktionieren der Dusche erklären. Er hatte mich vorgewarnt, dass es zwar sehr hübsch, jedoch ebenso klein sei. Nun ja, mit bescheidenen Platzverhältnissen lässt sich leben, aber damit, dass man nichts anfassen kann, ohne ölig-staubige Finger zu bekommen? Weder das mikroskopische Badezimmer (Zwergenspüle in die kaum meine Tätzchen passen, WC, Dusche, keine Möglichkeit darin zu laufen, nur sich um sich selbst zu drehen) noch die Küchennische samt Kühlschrank vor Jahren geputzt worden wären und einem bei diesen, hier eher negativen visuellen und Geruchseindrücken eher schlecht wird? Dass in dem Zimmer, das einem zugewiesen wurde (und das man für sich verteidigt hat nach dem Vorschlag, das eine Zimmer, gleichzeitig verbunden mit der Küchennische und Durchgang zum „Bad“, als Gemeinschafts-/Aufenthalts-/Esszimmer zu nutzen, das andere als Schlafzimmer, „Ist ja nur für die Nacht“) sich das Gerümpel aus einer seit ca. 20-25 Jahren verflossenen Kindheitsvergangenheit auf jedem Zentimeter stapelt und nirgendwo eine Lichtquelle zu finden ist? Abgesehen von der hellen Leuchte, die mein Computer ist. Vorteile: trotz anfänglicher Bedenken kein Diebstahl, als ich für ca. vier Stunden in der Stadt war. Die schönste Lage, die man sich in der ganzen Stadt vorstellen kann, und das für läppische 250 € warm. Jeden Tag sportliche Aktivität durch Treppensteigen. Mindestens. Wie gesagt, zum Meer braucht es zu Fuß höchstens fünf Minuten, in den Bergen ist man sofort, ein Fahrrad dafür konnte ich mir auch schon ersteigern. Und das Beste: von meinem „Arbeitsplatz“ aus eine umwerfend schöne Sicht auf Nizzas Hauptattraktion, den Schlossberg, dessen Übergang von Abendlicht in schwarzen Nachthimmel und Beleuchtung ich gerade erstmalig miterlebt habe. Das Wasser, das in einem ca. 20 Meter breiten Fächer etwa 15 Meter weit von der Aussichtsbalustrade des Schlosshügels fällt, kann ich bis hierher hören.

Nun ja, was tun? Mein potenzieller Mitbewohner macht jetzt schon Pläne, was wir gemeinsam unternehmen können. Der Gute ist übrigens Musiker und scheint auch einen recht Bohème-angehauchten Lebensstil zu führen. Aber da ihm das nicht reicht und man auch mal was machen muss in diesem Leben, will er jetzt in die Politik gehen, weil Frankreich steht ja kurz vorm Abgrund, die „da oben“ haben nur die Knete im Kopf usw. usw. Nun ja, viel Glück. Jedenfalls scheint ihm Einiges dran gelegen zu sein, dass ich bleibe, damit steigen die Chancen für den Erfolg von Erpressungsmaßnahmen. Also SO kann ich hier nun wirklich nicht leben bleiben, dann papp ich mir eben woanders ein Poster vom Schlosshügel ans Fenster und schalt den Wasserhahn an.

Gerade ertönt beschwingt-melancholische Akkordeonmusik von unten aus der Gasse und ich frage mich, wo der Junge ist – tut mir leid, trotz seiner 34 Lenze hat er was sehr Jungenhaftes. Hat sich wohl gedacht, dass ich ausflippe, sobald ich das WC sehe und hat es vorgezogen, das Weite zu suchen. Oder es ist ihm selber schlecht davon geworden und er musste mal Luft schnappen.

Nun gut, meine Koffer bleiben gepackt, hier alles unberührt. Mal sehen, was Morgen bringt.

5 Kommentare vorhanden.

  1. stoph schreibt am 17.09.2007 19:38:

    Bilder!!!

  2. Peter schreibt am 18.09.2007 18:09:

    Du scheinst das Glück zu haben in jeder neuen Stadt erstmal bei irgendeinem seltsamen Typen zu landen…

    Meinst du da steht morgen auch wieder der Vermieter auf der Matte und will euch beide rauswerfen weil die Miete ewig nicht gezahlt wurde weil er vor lauter Bohème vergessen hat Geld zu verdienen geschweige denn es an andere zu zahlen?
    Na hoffentlich kannst du dort wenigstens so lange überleben bis du was ordentliches gefunden hast.

    (Hoffe du hast bis dahin nichts falsches angelangt und klebst dann wie Pumuckl am Leimtopf und musst (gemäß den Klabauterfraugesetzen) ewig dort bleiben.)

  3. Christoph schreibt am 26.09.2007 07:58:

    Wolltest Du nicht nach Dublin? Was machst Du in Kranfreich? Freak mit Kranfreich! Wir haben zwar feine Inkanterie, aber Luktabwehr und Klaf!

    Beste Grüße,
    Christoph

  4. Peter schreibt am 28.09.2007 17:12:

    Ich sehe, das muss noch deutlicher hervorgehoben werden, dass hier jetzt mehr Leute schreiben als ich allein ;-)
    Lara ist in Kranfreich. Peter ist in Budlin.

  5. stoph schreibt am 28.09.2007 20:51:

    Ich hab dir n Designvorschlag in ein Postfach gelegt.
    Kucks Dir doch mal an :-D

 
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