Wohin driftet unser Gesundheitssystem?
[Weitere Artikel zu aktuellen Entwicklungen unseres Gesundheitswesens haben wir hier.]
Als Sohn eines niedergelassenen Allgemeinarztes bekommt man ja einiges mit in letzter Zeit.
Und man fragt sich allmählich wirklich: Welche Bedeutung hat der einzelne Bundesbürger eigentlich im Gesundheitssytem?
Ist man als Patient in ein paar Jahren nicht etwa nur noch eine Nummer, so scheint man darüber hinaus auch noch ein gut zahlender Kunde für ein paar wenige Monopolisten zu sein. Wenn das System der hausärztlichen Versorgung zusammenbricht und man sich dem amerikanischen System der zentralen Behandlungszentren annähert, dann wird man ein zahlender Konsument auf den Umsatzlisten von gewinnorientierten Aktiengesellschaften.
Hierzu gibt es einen sehr lesenswerten Artikel (den ich hier hineingestellt habe). Er stammt von Dr. med. Jan Erik Döllein, Allgemeinarzt, Mitglied des Verwaltungsrates der Kreiskliniken Altötting/Burghausen und auch noch CSU-Kreis- und Gemeinderat. Dieser Artikel lässt einen wirklich einiges an Glauben an die Politik und das Gesundheitswesen einbüßen.
Dass es mit den Praxen der Hausärzte nicht so gut steht bemerkt der Otto-Normal-Patient vielleicht nicht so sehr. Als Arztsohn bekommt mans etwas mit. Etwa wenn der eigene Vater (mit neuer, sehr gut besuchter Praxis) meint, wenn es so weitergeht kann er in einem Jahr Konkurs anmelden! [Sein Statement dazu]
In welchem Land sind wir denn plötzlich, dass ein Arzt pleite geht???
[DerWesten: abstruses Beispiel]
Und er meldet bestimmt nicht Konkurs an aus Geschäftsunfähigkeit oder Patientenmangel – das kann ich als Sohn versichern – sondern weil systematisch weniger bezahlt wird.
Sämtliche anderen Berufsgruppen ständen da schon seit Jahren auf der Straße. (Man stelle sich einen IG-Metaller oder Lokführer vor, dem man ankündigt, er müsse jetzt hinnehmen, dass ihm von nun an – und rückwirkend für das letzte Quartal – plötzlich 10% weniger gezahlt würden. Allein der Gedanke ist absurd.) Ein Arzt darf nicht streiken. Und deshalb geht das.
[siehe auch die Honorarverteilungen der bayerischen KV - die kapiert kein Schwein!]
Wen es interessiert, der kann sich mal den letzten Rundmail-Aufruf meines Vaters durchlesen an seine Kollegen ihre KV-Zulassung auf jeden Fall abzugeben. (Haben wir hier archiviert.)
Er nimmt darin auch Bezug auf einen weiteren (schlechten) Spaß, den man sich nur mit den Ärzten erlauben kann: man kann Regressandrohungen machen für Medikamente die vor zwei Jahren verschrieben wurden. Das läuft dann ungefähr nach dem System: du böser Hausarzt hast im Jahr 2005 auf 1000 Patienten 118 Leuten Insulin verschrieben. Das geht doch rein technisch gar nicht! Der deutschlandweite Durchschnitt an Diabetikern ist nur 76 auf 1000. Die Medikamente, die du verschrieben hast, bezahlen wir nicht! Bzw. weil wir sie schon bezahlt haben wollen wir von dir unser Geld zurück!
(Dass es in der vielleicht überalterterten oberfränkischen Provinz mehr ältere Leute gibt als in jungen Städten wie München und dass Rezepte vom Arzt tatsächlich nicht zum Spaß verschrieben werden, sondern weil die Leute einfach mal krank sind, das wird anscheinend übersehen.)
Wer sich zu dem Thema noch was durchlesen will, dem sei die Glosse „Meine Arzthelferin spinnt!!!” empfohlen, die mein Vater als offenen Brief an die Kassenärztlichen Vereinigung letztes Jahr schrieb. Und zwar als Reaktion auf deren Regressandrohung über nicht weniger als 50.000€! (Sagen sie das mal dem IG-Metaller an seiner Drehbank. Der fällt auch rückwärts um. Aber nicht wie mein Vater vor Schock – sondern vor Lachen!)
Als ich mit meinen Eltern noch Mensch-ärger-dich-nicht oder Monopoly gespielt habe und wir Kinder wiedermal die Regeln verbiegen wollten hieß es immer: die Regeln werden vor dem Spiel gemacht!
Das traf uns Kinder dann natürlich immer sehr hart, aber ab einem bestimmten Alter versteht man dann trotzdem.
Aber was jedem normal entwickelten Kind so etwa mit 8 Jahren klar sein sollte, gilt nicht mehr in den hohen verantwortungsvollen Kreisen der KV und der Gesundheitspolitik.
Wie ärmlich!
Wie gesagt ich empfehle sehr den Artikel von Dr. Döllein.
Hoffentlich wird dieses alberne KV-System durch die Ärzteunruhen jetzt mal gestürzt und irgendetwas besseres eingeführt. Etwas, was sich auch mal um das WOHL DER PATIENTEN und um das der ÄRZTE kümmert!
Ich bin seit 1985 als Allgemeinarzt in Roetgen (NRW)niedergelassen. ich finde ihre Artikel insbesonders Artikel von Dr. Döllein sehr gut. Es müss mehr veröffentlicht werden bzw mehr von niedergelassene Ärzte gelesen werden. Kurz gesagt unsere Gesundheitssystem ala SPD — Krankenhaus nach Kapitalismus-Heuschrecken und Ambulanz Versorgung ala DDR –MVZ, Ambulatorium, Schwester Agnes ala DDR wegen Ärztemangel.
Ich danke Ihnen für die Bekanntmachung des Briefes von Dr Döllein, der
mich heute erreicht hat.
Mich erinnert das Gesundheitswesen an Geschichten von Kafka.
Gruss aus Westfalen.
Dr Thomas Fix
Einen der besten Artikel die ich je gelesen habe,
WANN WACHT DEUTSCHLAND endlich auf. Ich weiss es nicht.
Es wird schon lange Zeit für eine neue Revolution.
Es läuft eigentlich alles falsch in diesem Land.
Cu Der klaus
Na, es hat doch mal jemand aus der Presselandschaft über die Ärztestreiks geschrieben. Ganz interessant die Hintergrundinfos zur Rede von Klaus Hoppenthaller in Nürnberg.
Völlig korrekte Aussagen, die mich schon vor langer Zeit bewogen haben, nicht die Kassenpraxistretmühle meines Vaters in Bremen (ca. 3000!!!Scheine) zu übernehmen, sondern ganz von vorne als Heilpraktiker in einer Landpraxis anzufangen. Hier habe ich wirklich noch die sehr schöne Möglichkeit, als F R E I E R Heilberufler zu praktizieren.
Die Chancen sind recht gut, mit dankbaren Patienten und zufriedenstellendem Arbeitspensum auch ein angemessenes Einkommen zu erzielen. Dieses gönne ich allen Hausärzten, nicht nur den Franken!
Ich hoffe auf eien festen Schulterschluß und den erfolgreichen Systemausstieg für sie damit sie für die Patienten wieder segensreich
arbeiten können. Alles Gute und viel Erfolg atausch
Gratulation, brillianter Text! Sollte Pflichtbeitrag im DÄ und den KV-Journalen werden!