Kassenzulassung abgeben II

[Weitere Artikel zu aktuellen Entwicklungen unseres Gesundheitswesens haben wir hier.

Dies hier ist der mittlerweile zweite Brief meines Vaters (Helmuth Mauer) an seine Kollegen im Landkreis Hof auf jeden Fall ihre Kassenzulassungen zurückzugeben. (Den ersten Aufruf hatten wir hier. Dort finden sich auch schon einige Links für die Leser die noch etwas über Hintergründe wissen wollen.]

Helmuth Mauer
Facharzt für Allgemeinmedizin
Nailaer Str. 2
95192 Lichtenberg

22.2.2008

An alle Kolleginnen und Kollegen
im Landkreis und der Stadt Hof

Noch ein Fax, aber ich mach’s kurz!

Nach 26 Jahren als Kassenarzt mit einer gutgehenden Praxis ( um 1200 Scheine pro Quartal, 1 Ganztageskraft, 2 Halbtags- bzw. Stundenkräften, mitarbeitender Ehefrau, Lehrling, festangestellter Krankengymnastin (auch halbtags), Ernährungsberaterin (stundenweise) und einem Arbeitstag, den ihr alle kennt ( halt von früh bis abends) stehe ich inzwischen finanziell an der Nulllinie. Nicht, weil ich Mercedes fahre (sondern einen Smart), nicht, weil ich in amerikanische Immobilien investiert habe (ich habe keine eigene Aktie, nicht einmal ein Festgeldkonto), nicht, weil ich einen aufwendigen Lebensstil pflege (meine Sammlung afrikanischer Masken lief über ebay, und ist alles
zusammen vielleicht 1000 Euro wert).
Ne, das alles ist nicht der Grund dafür, daß ich in den letzten Monaten zwei Mitarbeiterinnen gekündigt habe. Daß ich wegen konstanter Überziehung des Kontokorrentkredits von 36 000 Euro inzwischen einen Kredit über 30 000 Euro zusätzlich aufgenommen habe, um die laufenden Kosten decken zu können (Nicht, um neu zu investieren, sondern um meine Helferinnen und die Telefonrechnungen etc. zahlen zu können!).
Der sinkende Punktwert der letzten Jahre (statt 5,11 Cent so um die 3 Cent, also etwa 60% des ursprünglich als betriebswirtschaftlich kalkulierten Wertes) und die Aussicht auf weiter fallende Umsätze bei unveränderter oder steigender Arbeit durch Gesundheitsfond [Wiki] etc. lassen mir nur eine Wahl: ich kann in diesem Kassensystem nicht überleben, ich muß es verlassen.
Sollte der Ausstieg und damit die Chance auf eine leistungsgerechtere Bezahlung meiner Arbeit nicht klappen, wird die Bank sowohl die Praxis (übrigens ein toller Bau [Googlemaps], 16. Jahrhundert, vor 6 Jahren restauriert/renoviert, in 11 Jahren eigentlich auch abgezahlt – wenn es denn ginge!) als auch Wohnhaus mit Grund (zentrale Lage in Ortsmitte, 1500 qm, nette Nachbarn inclusive [Googlemaps]) übernehmen und, naja, wahrscheinlich drauf sitzen bleiben. Und ich bin weg. Nach 26 Jahren gut gehender Praxis pleite.
Wie lange wollt ihr noch warten, bis euch euer Häuslein weggenommen wird? Bis 2009? Noch ein wenig länger? Und dann als angestellter Arzt im MVZ des Sanaklinikums [HP], am Krankenhaus Naila [HP], vielleicht bei Hudetz [HP], der Medika [HP], Scharrer/Ober [HP] oder wem auch immer ein bißchen weiter Doktor spielen, bis ihr die Nase voll habt (immerhin, danach gibt es wenigstens ALG II [Wiki] oder in der Art)?

Also, nochmal ganz klar: ich sehe in dem momentanen System keine Aussicht auf Besserung in den nächsten Monaten oder Jahren. Es wird so definitiv nicht besser werden mit meiner Lage.
Bei allen Unwägbarkeiten und Unsicherheiten eines Ausstieges, ob kollektiv oder singulär: ich werde mir zumindest nicht vorwerfen müssen, daß ich sehenden Auges in die Katastrophe gesteuert habe ohne etwas dagegen getan zu haben.

Ich sehe wirklich kein Problem darin, meine Patienten auch weiterhin zu betreuen und den Kassen dafür eine Rechnung zu schreiben wie allen Privatkassen auch. Ohne Medikamentenbudget mit Regreßdrohung [siehe auch erster Artikel], ohne Budget für physikalische Verordnungen mir Regreßdrohung, ohne ständige Anfragen, warum eine Toilettensitzerhöhung bei dem und dem nötig ist [Wiki & Wiki].

Ohne Kampf mit den Patienten, warum die Kassen nur noch das preiswerteste Medikament erstatten wollen ( dafür sollen bitte schön die Kassen gerade stehen, nicht ich!).
Statt der kostenlosen Kassenformulare werden formatgleiche Blankopapiere bedruckt. Kann jeder Kollege lesen und verstehen. Das erfordert nicht einmal einen Euro Kosten für eine Umstellung der Software: GOÄ [Wiki] einfach ist ja als IgeL-Kasse schon lange im System vorhanden.
Und die Rechnungen müssen die Kassen mit der üblichen Frist zahlen, weil ansonsten nach der kostenpflichtigen Mahnung ein Inkassobüro beauftragt wird, das Geld bei den Kassen einzutreiben.
(Das Schöne dabei ist: die haben das Geld sogar, ich brauche keine Angst zu haben, es nicht zu bekommen!)

Also, mein Appell an euch alle: denkt nach, was in diesem System auf euch zu kommt in den nächsten Jahren. Überlegt, ob ihr dann gerne und voller Tatkraft so weiter machen wollt. Wenn ja, dann seid euch eines bewußt: IHR SEID SELBST DARAN SCHULD!
Beklagt euch nicht in ein oder zwei Jahren, daß es euch schlecht geht. Ich beklage mich heute, weil es mir heute schlecht geht. Und ich will heute etwas daran ändern, bevor der Karren an die Wand gefahren ist, und ich mit ihm.

Ich habe meine Kassenarztzulassung in Nürnberg eingeworfen, und ich werde sie nicht mehr rausnehmen.
Die einzige Möglichkeit für mich ist ein Systemwechsel, und das geht am sichersten und am einfachsten, wenn wir alle zusammenhalten. Ich habe es auch für euch gemacht. (Nicht für den Kollegen Hoppenthaller, auch, wenn er den Anstoß dazu gegeben hat)

Ich habe es auch für meinen Sohn gemacht [mein großer Bruder (bei DLRG Jugend & DLRG Jugend]. Der ist nächstes Jahr fertig, und ich kann ihn nur dringend davor warnen, eine Kassenpraxis aufzumachen oder gar meine eigene Kassenpraxis zu übernehmen!

Ich habe es auch für die Patienten gemacht, die seit 26 Jahren von mir behandelt werden. Sie haben nicht verdient, was da in den nächsten Jahren mit ihnen gemacht werden soll.

Und ich will endlich wieder frei atmen können und Arzt sein, so, wie ich es auf der Uni gelernt habe. Medizin machen.
Wie sagte unser 1. stellvertretender Vorsitzender der KVB auf der Vertreterversammlung am 17.3.2007 in München, Dr. Gabriel Schmidt [HP: KVB]:
„Wir wollen als Ärzte wieder ein Leben vor dem Tod haben.“
Genau. Mehr will ich auch nicht.

Also, macht was ihr für richtig haltet. Was ich für richtig halte, wißt ihr jetzt.

Macht’s gut!

Helmuth Mauer
Tel. 09288/6333, Fax 09288/6420, email Helmuth-Mauer (at) gmx (dot) de

2 Kommentare vorhanden.

  1. Peter schreibt am 01.03.2008 19:10:

    Hübsch, was man da so im Geschäftsbericht der Rhön-Kliniken lesen kann. Einfach mal “MVZ” in der Suchfunktion eingeben. Aufschlussreich …
    Die strategischen Ausblicke auf S. 71 klingen doch gut. Zumindest als Aktionär ;-)

  2. pelastop summelsarium » Blog Archive » Podiumsdiskussion 14.4. in Lichtenberg (Ofr.) schreibt am 29.03.2008 16:17:

    [...] Teilnehmer: Helmuth Mauer, Arzt für Allgemeinmedizin, Praxis in Lichtenberg [Googlemaps], Oberfranken, Konkurs vielleicht in absehbarer Zeit [siehe hier, bzw. hier] [...]

 
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