Eigener Brief an die Politik
[Weitere Artikel zu aktuellen Entwicklungen unseres Gesundheitswesens haben wir hier.]
So, dann schrieben wir halt auch mal einen öffentlichen Brief. Und zwar an eine Auswahl an Politikern die vielleicht sogar reagieren. (Oh welche geringe Hoffnung.)
Anlass hierzu war die Idee von Christoph Klasen und Rudolf von Waldenfels vor ein paar Tagen. Aber ich habs nicht übers Herz gebracht nur den Standardbrief zu schicken, den die beiden empfahlen. Also hier mein eigener Senf.
Sehr geehrte Damen und Herren,
(namentlich Erwin Huber, Günther Beckstein, Hans-Peter Friedrich, Bernd Hering, Otmar Bernhard, Petra Ernstberger, Ursula Schmidt, Axel Munte und Wolfgang Hoppenthaller. Bitte weiterleiten, falls diese Mail nicht direkt an die betroffen Personen gehen konnte.)
hoffentlich kamen von dieser Art Mail in den letzten Tagen schon ein paar bei Ihnen an.
Auch hier ist der Bezug die voraussichtliche und unausweichliche Schließung der Arztpraxis Mauer im kleinen, beschaulichen, oberfränkischen Lichtenberg [www.lichtenberg-oberfranken.de].
Allerdings kommt diese Mail hier nicht nur von einem Patienten des betroffenen Arztes, sondern in erster Linie mal von seinem zweiten Sohn! (Und glauben Sie mir, bis heute fand ich es noch nicht sonderlich wichtig einmal einem / mehreren Politikern meine Meinung zu geigen.)
Diesem, meinem Vater, geht es nämlich als Allgemeinarzt auf dem Land alle andere als rosig. Und das liegt nicht daran, das er unfähig wäre, ein Unternehmen zu führen, oder dass ihm die Patienten wegbleiben. Es liegt daran, dass ihm die Politik schön langsam den Geldhahn zudreht! Und nicht nur ihm, sondern auch allen anderen Kassenärzten.
Den Atomausstieg hat man wenigstens offiziell verabschiedet. Warum gibt es nicht ein ebensolch fixes zeitliches Ziel, den Landarzt vollständig auszumerzen? 2020 ? Das wäre doch anstrebenswert!
Zumindest hat es im Moment SEHR den Anschein, dass man so etwas vorhat – man sagt es nur nicht offen.
Sondern lässt die Haus- und Fachärzte mit eigener Praxis so langsam verhungern. (Wie ganz und gar von der politisch und wirtschaftlich uneingenommenen, heiligen Bertelsmann Stiftung empfohlen. Wenn auch natürlich nicht so direkt.) [siehe u.a. hier]
Das System, nach dem mein Vater bezahlt wird, ist mit Abstand das verrückteste / verworrenste / willkürlichste / verwaschenste / nicht nachvollziehbarste System, das ich überhaupt kenne!
Man bekommt sein Geld nach einem Vierteljahr im Nachhinein.
Der Punktwert für erbrachte Leistungen fällt Jahr für Jahr.
Da wird die erste Schmerzspritze übernommen, die zweite nicht mehr, für die dritte bekommt man dann das Geld für die zweite noch mit dazu und ab der vierten wird man gerichtlich dafür belangt, dass man zu viel verschreibt und muss sie aus eigener Tasche zahlen!
Unter Umständen bekommt man eine Regressandrohung (!) für zu viel verschriebene Medikamente / Leistungen. Rückwirkend und ohne Ankündigung versteht sich! Bei meinem Vater flatterte letzes Jahr ein Bescheid herein, dass die Kassenärztlichen Vereinigung meinte, er müsste für 2005 etwa 50.000€ nachzahlen! Weil man entschlossen habe, dass er zu viel verschrieben habe.
Man macht mitten in der Nacht Hausbesuche (weil es Menschen schlecht geht, nicht weil man da wahnsinnig viel Abrechnen kann) und darf, wenn man Pech hat nach einer Nacht mit 4 Stunden Schlaf dann natürlich am nächsten Tag wieder 100 Patienten behandeln!
Ach ja, und streiken darf man ja als Arzt auch nicht in Deutschland!
Erzählen Sie das mal einem Klempner / Maurer / IG Metaller / Kofferträger:
“Tut uns sehr leid, aber Sie wissen ja, dass Sie ab morgen 10% mehr arbeiten müssen. Dafür bekommen Sie auch etwa 13% weniger Gehalt (nur auf manche Leistungen, andere geben 2% mehr). Morgen haben Sie (zusätzlich zu Ihrem normalen Dienst, zu dem wir Sie weiterhin ausgeschlafen pünktlich um 8.00 Uhr erwarten) eine Woche Bereitschaftsdienst und Sie sollten dafür etwa ein bis zwei Stunden pro Nacht kalkulieren. Selbstverständlich wird Ihnen das mit einem Aufschlag von fabelhaften 18,3% (!) vergütet werden.
Ach und übrigens: wir haben festgestellt, dass Sie im Jahr 2005 4621€ an Trinkgeldern eingenommen haben. Nach unserer Erfahrung ist das etwa 4121€ zu viel. Wir werden das bei den nächsten Gehaltszahlungen weniger an Sie überweisen.
Auf weitere gute Zusammenarbeit, hochachtungsvoll, Ihr Chef.”
Wissen Sie was dieser Angestellte macht? Das gleiche wie mein Vater: er fällt um.
Aber nicht vor Schreck, sondern vor Lachen!!!
Erzählen Sie der IG Metall es gibt 5% Lohnabschlag. Haha. Da haben Sie tausende auf der Straße stehen!
Erzählen Sie das ihrem Allgemeinarzt (der kein Streikrecht hat). Der sagt nur resigniert: “Oh, schon wieder? Und wovon soll ich das Gehalt meiner Arzthelferinnen weiter bezahlen?”
(Mein Vater hat letzten Monat zwei seiner Kräfte gekündigt – und hat keinerlei Ahnung, wie er so weiterarbeiten kann / soll. Er wird seine Praxis spätestens in einem Jahr schließen müssen wenn sich nichts ändert. Aus. Vorbei. Das Haus bekommt seine Bank. 30 Jahre arbeiten als Selbständiger Arzt im deutschen Gesundheitssystem – und man ist pleite und verschuldet danach. Da freut man sich auf den Lebensabend !)
Der Braunkohlebergbau in Deutschland weiß seit Jahrzehnten, dass er ein albernes Verlust- und Zuschussgeschäft ist, dass nur aus gutem Willen noch am Leben gehalten wird und Unsummen verschlingt und eine Leistung erbringt, die man sich auch anderswo her holen könnte.
Der normale Arzt in seiner Praxis kostet auch einiges. Aber der lässt sich NICHT ersetzen durch Leistung von anderswo (MVZs etc.)!
Außerdem bezahlen die Patienten ja einen Haufen dafür, dass sie eine flächendeckende ärztliche Versorgung haben. Und dafür zahlen sie auch gern!
(Ich zahle aber nicht gerne für alberne, deutsche Braunkohle!)
Wenn Sie meine ehrliche Meinung wissen wollen: das System der Kassenärztlichen Vereinigung zum Bezahlen der Ärzte in Deutschland ist MÜLL! (Ja, richtig gehört, Herr Munte!)
Und ein Gesundheitssystem liegt grässlich im Argen, wenn einem sehr wichtigen Leistungsträger in diesem System der Geldhahn nicht nur rationiert wird, sondern fast gänzlich zugedreht wird.
Die Patienten sind da, sie sind krank, sie zahlen, aber der gemeine Hausarzt bekommt seine Arbeitsleistung am Menschen nicht vernünftig abgerechnet – und wird innerhalb der nächsten 10 Jahre aussterben. Wie soll man so auf Dauer noch eine gesundheitliche Grundversorgung seiner Bevölkerung sicherstellen?
Kann man das als Politiker verantworten???
Kann man das als Politiker verantworten, der von seinem Volk gewählt wurde?
Um dessen Interessen zu vertreten!
Nach bestem Wissen und Gewissen gewählt wurde, um nach bestem Wissen und Gewissen zu regieren und die Geschicke dieses Landes und seiner Bürger zu leiten – zu deren Vorteil?
Um nicht dem erstbesten Lobbyisten nach der Pfeife zu tanzen – sondern nur nach seinem eigenen Gewissen zu entscheiden? (Kann mich vage erinnern, das steht in irgendeinem der vorderen Paragraphen des Grundgesetzes… Nettes Buch, nette Grundsätze, schön, wenn mal jemand WIRKLICH nach SEINEM Gewissen entscheidet in der Politik ! Und nicht einfach die Hand heben würde bei Abstimmungen, nur weil der Gesetzesvorschlag zufällig von der eigenen Partei kommt / gegen etwas stimmt, nur weil der Vorschlag zufällig von jemand anderem kommt.)
Einfach genau das zu machen, was ein Politiker tun sollte?
Das beste anzustreben für seine Bürgerinnen und Bürger?
Ist das noch Anliegen unserer Politik?
Von manchen Menschen wird behauptet, sie gäbe Ihr Gehirn an der Garderobe ab, wenn sie in die Arbeit gingen. Geben die Politiker in Deutschland dennihr GEWISSEN an der Garderobe im Bundestag / Landtag etc. ab???
Falls ja, ist das heilbar?
Und falls es heilbar ist, dann hoffentlich nicht vom normalen deutschen Hausarzt! Denn den gibt es ja in ein paar Jahren nicht mehr!
Ich würde Ihnen einfach mal empfehlen sich die zwei offenen Briefe meines Vaters durchzulesen. In denen er eindringlich jedem Arzt in Bayern rät, seine Kassenzulassung abzugeben! Weil man in diesem System als Arzt nur bankrott gehen kann!
Die Briefe finden Sie hier:
http://www.pelastop.de/sonst/zulassungsrueckgabe/
http://www.pelastop.de/2008/02/28/kassenzulassung_zureuckgeben/
(Schauen Sie sich das ruhig an Herr Munte, so weit bringt Ihr System manche Leute. Gilt übrigens auch für Frau Schmidt. Schöne Bankrotterklärung. Danke dafür.)
Ach und überhaupt noch ein, zwei nette Artikel über die Bertelsmann Stiftung und das Gesundheitssystem und natürlich auch diesen Brief hier selbst:
http://www.pelastop.de/tag/gesundheit/
Damit verbleibe ich mal noch mit freundlichen Grüßen,
und HOFFE AUF BALDIGE GENESUNG (des Gesundheitssystems, sowie der geistlichen Verfassung einiger Entscheidungsträger, als auch dem Umgang mit unabhängigen Bertelsmann-Stiftungs-Empfehlungen, und natürlich den roten Zahlen in den Abrechnungen der meisten Haus- und Fachärzte in Bayern.*)
Peter Mauer
(Sohn eines fast bankrotten Allgemeinarztes, mündiger und hoffentlich klar denkender aber auch sehr verärgerter Bürger)
P.S. Machen Sie ruhig weiter einen politischen und gesundheitlichen Ausverkauf in Deutschland, das macht es einem leichter für die Zukunft zu entscheiden, in welchem Land man als Akademiker NICHT mehr arbeiten will. Ganz einfach. Deutschland ist schnuckelig, aber glauben Sie bloß nicht, das genügt um weltweit zu konkurrieren, wenn sich der Bürger verarscht vorkommt…
* mit Ausnahme der Abrechnung von Herrn Munte. Den scheint es als Gastroenterologe ja hervorragend zu gehen. Kein Wunder bei so einer auf den Magen schlagenden Politik. Vermutlich haben die Dermatologen ja auch genug zu tun, wenn das weiterhin so haarsträubend zugeht …
–
Peter Mauer
Royal College of Surgeons in Ireland
123 St. Stephen’s Green
Dublin 2
Ireland
Mail: petermauer (at) rcsi (dot) ie
Phone: +353 1 402 8593
Mobile: +353 85 1256930
Gibt es diese Zusatzprämien hier für die Vorstandsvorsitzenden unserer Krankenkassen dann eigentlich auch für die Leistung, die Hausärzte auszurotten?