Dem Volk aufs Maul gehaut (oder: Ergebnisse einer Diskussion mit Politikern)
[Weitere Artikel zu aktuellen Entwicklungen unseres Gesundheitswesens haben wir hier.]
So, war also gestern diese Podiumsdiskussion in Lichtenberg über das Gesundheitswesen und zu erwartende Änderungen des selbigen.
Frau Dr. Ernstberger hatte dazu noch extra auf ihrer Homepage eingeladen dazu:
“Sehr geehrte Damen und Herren,
um Sie über die Zukunft der ärztlichen Versorgung im ländlichen Raum umfassend zu informieren, habe ich den Parlamentarischen Staatssekretär bei der Bundesministerin für Gesundheit, MdB Rolf Schwanitz, für eine Veranstaltung in unserer Region gewinnen können. Im Rahmen der Veranstaltung wird Rolf Schwanitz über die Gesundheitsreform referieren und für eine Diskussion zur Verfügung stehen.”
“Umfassend”, “Informieren”, “Für Diskussion zur Verfügung stehen”.
Schöne Worte.
(Sicherheitshalber wurde auf der Homepage von Frau Ernstberger der Artikel hierzu zwei Tage nach der Veranstaltung schon entfernt – zumindest kann man die Seite spontan nicht finden (der Google Cache hatte es noch drin). Warum denn das? Wollen sie keine Spuren hinterlassen? Keine Angst, das haben sie schon – und wenn es auch nur in den Köpfen der Leute ist.)
Echt schade, dass ich nicht da war. Deshalb stütze ich mich hier mal auf Aussagen von Bekannten und der Presse. (Die meisten Zitate hier sind Meinungen von anwesenden Zuhörern im schriftlichen Austausch mit mir.)
In der Frankenpost konnte man eine erste Zusammenfassung lesen: “Steuermittel stützen das System” (online am 16.4.08). (Bei dem Artikel geht mir allein schon die Hutschnur hoch.)
Des weiteren lesen wir da auch noch den Artikel: “Liste mit Unterschriften und offener Brief” (online am 16.4.08).
Anfang nächster Woche wird wohl noch bei TVO ein Beitrag laufen.
Als allgemeine Beschreibungen von Zuhörern hätten wir zu dem Abend dann sowas:
“… der Abend ist gelaufen und hat vor allem eines gebracht: die Erkenntnis, dass die Politiker je weiter oben sie sind, umso weniger Bezug zur Basis haben.”
Oder auch: “Ich habe mich selten so verschaukelt, so an der Nase herumgeführt gefühlt wie gestern Abend. Ich bin empört ins Bett gegangen, und ich bin empört wieder aufgewacht.
Halten die uns alle für doof? Für minderbemittelte Landeier”
“Fr. T. (Patientin im Publikum) hat sehr engagiert Stellung für [die Arztseite] genommen, eine direkte Antwort blieb man ihr schuldig. So wie der ganze Abend eigentlich die Antworten schuldig blieb, weil ja nicht einmal die Fragen aufrichtig diskutiert wurden.”
“Lichtenberg hat dieser Abend nicht geholfen. Schade. Von hochbezahlten Funktionären und Volksvertretern hätte man mit Recht mehr erwarten können.”
“Nix wurde geklärt.”
“Anstatt aber nun auf unsere Fragen einzugehen, speiste man uns mit Allgemeinplätzen ab. Weder der parlamentarische Staatssekretär im Gesundheitsministerium, Herr Schwanitz, noch die Krankenkassenvertreter hatten zur Lage vor Ort irgendetwas zu sagen. Das war schon sehr enttäuschend.”
“Ich hatte mir Information für den “einfachen Mann /Frau” erhofft, mußte aber ein Geschwafel anhören, dem mein unstudiertes Hirn nicht folgen konnte. … Diese Diskussion war so unnötig wie ein Kropf.”
Wenn wir uns dann mal den diskussionsmäßigen Leistungen der einzelnen Teilnehmer (siehe hier) anschauen, bekommt man in etwa folgendes Bild:
Der so adrett guckende Herrn Schwanitz [HP, Wiki] (Mitglied des Bundestages und parlamentarischer Staatssekretär im Gesundheitsministerium) wir beschrieben mit:
“Der Herr Schwanitz war eine komplette Fehlbesetzung für die Frage des Abends: wie gelingt es uns, unseren Hausarzt im Ort zu erhalten? [Zuhörer] R. hat es schon nach rund 5 Minuten Referat des Hr. Sch. auf den Punkt gebracht, als er mit einem Zwischenruf auf die drängende Frage im Publikum hinwies. Herr Sch. hat sich aber kaum aus der Ruhe bringen lassen und weiter von irgendwelchen Gesundheitsmodellen und Visionen erzählt, die er noch aus seiner DDR-Zeit erlebt hat. Mein Gott, das ist 20 Jahre her und hat keinen, aber auch gar keinen Bezug zu den Problemen vor Ort. Die Schuld der KVB in die Schuhe zu schieben (von denen übrigens keiner da war) löste das Problem auch nicht.”
“War schad, daß die KV nicht da war, dann hätte Herr Schwanitz vielleicht nicht so leicht jede Verantwortung von sich schieben können.”
“… dass jede zweite Praxis in Bayern vor dem wirtschaftlichen KO steht war ihm offensichtlich nicht so tief eingedrungen, dass da vielleicht ein Systemfehler existiert und nicht die Misswirtschaft eines einzelnen vertrottelten Landarztes dahinter steckt.”
Ist das Einstellungsbedingung, wenn man parlamentarischer Staatssekretär im Gesundheitsministerium werden will? Man versucht die Leute einfach mit allgemeinen Floskeln und großangelegten Zukunftsvisionen an die Wand zu reden bis sie gemütlich eingelullt Ruhe geben? Tut mir leid, wenn es hier nicht funktioniert hat.
“Der Staatssekretär Schwanitz hat gestern Abend alle Gesetze der Höflichkeit gebrochen.”
“Er war offensichtlich nicht in der Lage, auf lokale Probleme mit seinem Wissen einzugehen, sondern wollte uns Lichtenberger an den Segnungen der bundesdeutschen Gesundheitspolitik teilhaben lassen.”
Danke, danke, können wir drauf verzichten. Wenn es uns abends zu langweilig ist und wir Märchen hören wollen, können wir auch etwas von den Brüdern Grimm zu lesen. Von Diskussionsrunden mit Politikern zu aktuellen Problemen erwarten wir etwas anderes.
Weiterhin ist seine Meinung (FP): “Eine Deckelung der Arzthonorare sei durchaus auch im Sinne der Mediziner.”
Welcher Mediziner hat Ihnen denn das erzählt? Haben Sie überhaupt schon mal einen gefragt zu diesem Thema??? So richtig einen vom Land. So einen der noch mit Patienten zu tun hat. So mit echten Patienten die jede Woche zu ihm kommen. Diese Sorte Mediziner. (Nicht einen der im Moment im Bundestag sitzt oder einen Uniprof oder einen bei der Bertelsmann Stiftung.) Tun Sie das doch mal irgendwann.
“Die Argumente der Ärzte,daß die KV nur das tut was die Politik vorgiebt hat er nicht so recht gelten lassen – für mich stellt sich dann die Frage – wer lügt? Ich tendiere dazu den Ärzten zu glauben. “
Aber das beste kommt noch. Meint der Herr Sch. aus B. doch tatsächlich nach der Diskussion zu einer Bekannten, dass er meinem Vater “doch eine betriebswirtschaftliche Beratung seiner Praxis anrät, die könnte ja der Hausarztverband machen.”
Das hält man ja im Kopf nicht aus!
Um so etwas zu bringen muss man ja nicht nur eine ordentliche Portion Ignoranz aufweisen, sondern auch noch eine gehörige Portion Frechheit mit dazu!
Wo und wann – wenn nicht in einem Saal voller unzufriedener Bürger – könnte es einem denn auffallen, dass etwas nicht stimmt? Dass man mal seine rosarote Politikerbrille abnehmen sollte / könnte / müsste und sich auch anhören sollte, was der gemeine Bürger zu sagen hat. Papier ist geduldig – Bürger nicht ganz so sehr, die können unangenehmer werden.
Also tun Sie uns doch bitte mal den Gefallen und hören Sie uns auch einmal offen und ehrlich zu und geben Sie vernünftige, durchdachte Kommentare mit Hintergrund und Perspektive!
Wenn Ihnen das zu schwer fällt, dann würde ich Ihnen mal eine berufliche Neuorientierung anraten. Vielleicht findet sich ja etwas Sie, fernab von Bürgern denen man auch noch zuhören soll. Nein, was für eine Zumutung. [Ich hätte da schon einen Vorschlag: werden Sie Bibliothekar im Bundestag. Dann sind Sie immer noch an ihrer gewohnten Arbeitsstelle, hätten tausende schöner Reformen um sich herum. Und das Beste: Sie haben vollständige Ruhe vor Störenfrieden (weil man in Bibliotheken einfach ruhig sein muss) und erst recht müssen Sie nicht auf diesen Pöbel von aufgebrachten Bürgern eingehen der unangenehme Fragen stellt und auch noch ernsthaft erwartet, dass man Sie offen und ehrlich beantwortet. Überlegen Sie es sich doch nochmal. Wäre doch eine gute Alternative - für Sie und vielleicht auch für die Bürger in diesem Land.]
Auf meine Frage an eine Bekannte was ihr an dem Abend denn am besten gefallen hätte kam die etwas direkte Antwort: “Mir hat gut gefallen, dass [ein Zuschauer] die Staats-Null so bald unterbrochen hat – möcht nicht wissen wie lange sein nulliger Vortrag sonst gedauert hat.”
Mal weiter zur Frau Petra Ernstberger, ihreszeichen ja doch recht weit oben in der Politik – als parlamentarische Geschäftsführerin der SPD-Bundestagsfraktion:
“Fr. Ernstberger hat sich eigentlich ziemlich rausgehalten, auch sie ist aber offensichtlich kaum darüber betroffen, dass in ihrem Wahlkreis die Hälfte der Ärzte am Existenzminimum liegen.”
Na, das klingt aber nicht wie eine sehr engagierte Volks-Vertreterin. Und das nach ihrer ursprünglichen peinlich schlechten Mail vor ein paar Wochen (hier bzw. hier eine Antwort darauf).
Nochmal eine kleine Denkaufgabe für unsere beiden Berufspolitiker: an dem Abend wurde u.a. eine “Liste mit 540 Unterschriften von Lichtenberger Bürgern” überreicht.
Wissen Sie als Politiker überhaupt noch, was das heißt? Das sind knappe 50% der Bürger überhaupt! Wenn wir das mal vergleichen mit dem, wie viele Leute hinter Ihnen stehen: Bei einer Wahlbeteiligung von 58% und der Wahlquote der SPD (36%), dann wurde bei den letzten Wahlen für Sie etwa von 240 Leute gestimmt. Könnte das vielleicht heißen, dass wir mehr als doppelt so sehr daran interessiert sind, dass wir einen Arzt am Ort haben, als dass SIE in der Politik tätig sind?
Denken Sie mal darüber nach – wenn Sie vor lauter Reformen noch mal eine freie Minute zum Denken übrig haben…
Auf meine Frage an eine Bekannte, ob sie zufrieden sei mit ihren Volksvertretern und ob sie ihre Interessen hinreichend und wuerdig vertreten sieht, kam die Antwort: “Ein klares NEIN!! Ich hoffe daß … [von anderem Politiker, an diesem Abend nicht anwesend] … vielleicht mehr Engagement kommt, dann geh ich zukünftig vielleicht doch zur Wahl.”
Der Herr Degelmann, Direktor der AOK Hof meint immer noch, dass insbesondere die AOK dem Arzt besonders viel Gutes tut im Vergleich zu allen anderen Krankenkassen.
“… dass die 70% die bei deinem Vater ankommen für den AOK Chef 80 – 90% sind – wo gehen dann die 10 bis 20% verloren? So weit ist der Weg von Hof nach Lichtenberg ja auch nicht?”
“Aber es bleibt halt dabei: wenn die Kassen die eingekauften Leistungen zu dem Preis bezahlen würden, der in der Gebührenordnung festgelegt ist, dann gäbe es diese Problem heute nicht. Und da ist die AOK trotz aller Strukturprogramme und sonstiger Almosen halt einfach auch beteiligt.”
Tja, kann man leider nur zustimmen. Auch wenn man sich mal die Zitate von Herrn D. so durchliest die man so findet, da kommt das Wort “Wirtschaftlichkeit” öfters vor als das Wort “Patient”. Von “persönlicher Betreuung” etc. ganz zu schweigen. Die FP zitiert ihn: “Nicht die Gegenwart, sondern die Zukunft macht mir Angst.” [wenn] künftig 100 mio Euro jährlich aus Bayerns Gesundheitskassen … abfließen. “Jede Beitragserhöhung kostet die AOK auch Beitragszahler – und dies in ganz massiver Form”
Denken Sie eigentlich nur noch an Geld? Könnte man den sogenannten Beitragszahler nicht auch mal wieder als Patienten oder sogar als Menschen sehen?
Zum meinem Vater – seineszeichen Hausarzt und kurz vor der Pleite – hab ich nur einen direkten Kommentar:
“Sehr aufgeregt, aber hat seine Sache gut gemacht, sein Vortrag war klar und für einen Nicht-Arzt gut nachzuvollziehen.”
Na wenigstens einer, den man an diesem Abend verstehen konnte :-)
Und als kleinen Abschluss noch:
“Und wie gönnerhaft von der Frau Ernstberger, [meinem Vater] zum Schluss noch zuzurufen, Du könntest auf Deine Lichtenberger stolz sein!”
Das wollten wir doch gar nicht! Wir wollen doch nicht auf uns selber stolz sein – wir wollen eigentlich auf unsere Politiker stolz sein! Und zwar auf welche, die nicht nur reden – sondern auch handeln können!
Aber anscheinend gab es da viel zu wenig an Bereitschaft zur Diskussion, geschweige denn zum konkreten Handeln.
Tja, liebe Politiker, wie sagt der Volksmund doch so schön?
Dem Volk aufs Maul gehaut.
…
Anders kann man diese relativ jämmerliche Vorstellung wohl nicht bezeichnen.
Gute Zusammenfassung!
Herr Schwanitz ist Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Gesundheitsökonomischen Zentrums der TU Dresden.
Deren Satzung [gibts hier].
Besonders interessant dabei: §1.1:
Das Gesundheitsökonomische Zentrum fördert die Bearbeitung interdisziplinärer Forschungsfragen wie:
* ökonomische Bewertung von Leben und Gesundheit
Na prima.
Die werdens nicht glauben, aber damit setzen sich ziemlich viele Ärzte jeden Tag auseinander. Noch ist es in Deutschland so, dass wir genug Geld haben, nicht ernsthaft darüber nachdenken zu müssen. Aber als Mißfelder [Wiki, HP] (interessant, die Google-Eingabe “JU Hüftprothese” führt zu direkt zu ihm, da wird er sich freuen…) mal laut über restriktivere Vergabekriterien für OPs im Blick auf Alter und Amortisierung gesellschaftlicher Kosten nachdachte, sollte er gleich mal zurücktreten. Hat er nicht, ist auch gut so.
Krasser geht’s in Japan ab:
Der japanischen Erzählung “Narayama bushiko” [hier eine Beschreibung des gleichnamigen Films] zufolge schleppten verarmte Dörfler nutzlos gewordene Senioren einst auf ungewegsame hohe Berge. Auf diesen so genannten “Ubasute Yama” – zu deutsch etwa: “Alten-Wegwerf-Berge” – mussten die Greise ihres Hungertodes harren.
Dort gab’s also den Vorschlag, die Senioren auf die Philippinen zu übersiedeln, dort ist die Pflege billiger. Na vielleicht können unsere dann ja in Polen gepflegt werden. Oder Ostpreußen? Das kennen die ja schon, ist ja eigentlich keine Fremde mehr.
Herkommen dürfen die polnischen Pflegekräfte ja schon gerne. Sehen wir da etwa im Gesundheitssystem Hinweise auf Neoimperialismus? So was, sollte das etwa der Effekt einer Kapitalisierung des Systems sein? Immerhin kann der pflegeunwillige Angehörige auswählen, ob die Pflegekraft überhaupt medizinische Kenntnisse hat oder auch nicht und auch die Sprachkenntnisse werden in Abstufungen (Grundkenntnisse vs mittel) honoriert.
Dann ist ja alles in Butter, der Laden läuft doch!
[Links hat Peter grad noch ergänzt]
Weiterhin steht ja in besagter Satzung gleich unter:
* ökonomische Bewertung von Leben und Gesundheit
auch noch:
* empirische Analysen von Gesundheitsrisiken, -zuständen und -leistungen
Na da sind wir doch gut dabei. ;-)
“Patient X hat ein Risiko von 70% in den nächsten 3 Jahren einen Herzinfarkt zu haben. Zustand selbständiger Versorgung beträgt im Moment schon 50%. Leistungsmäßig liegt er also 720% über dem normalen Beitragszahler. Damit sind seine zu Lebzeiten eingezahlten Beiträge in etwa vier Jahren aufgebraucht.
(Wir hoffen natürlich, dass dieser alte Fresssack seinen Herzinfarkt möglichst bald bekommt und ihn aufgrund seiner ungünstigen gesundheitlichen Konstitution auch maximal um ein halbes Jahr überlebt.)
Nächster Patient bitte.”