Dient Schockieren der Weltverbesserung?
Auf Anregung eines Co-Writers dieses Blogs hier ein Beitrag darüber, was ich studiere. Eigentlich ist das nur ein Anstoß einer Überlegung, die mich in letzter Zeit beschäftigt.
Es geht um Tendenzen im modernen Kino, konkret im österreichischen. Im Zuge der geistigen Umwälzungen der 68er hatten sich einige österreichische Kunstschaffende ihre ganz eigene Form des Protests ausgetüftelt. So entstand v.a. mit Günter Brus, Otto Mühl, Hermann Nitsch und Rudolf Schwarzkogler der Wiener Aktionismus. Man berief sich auf Freud und veredelte so das ins Kunstgewand gekleidete Ausleben menschlicher Triebe wobei vor keinerlei Abgrund zurückgeschreckt wurde. So verwendete Brus in seinen Selbstverstümmelungen seinen Körper radikal als Material, Nitsch hängte ein live geschlachtetes Tier über einen nackten Frauenkörper, die Eingeweide wurden auf diesen geschüttet. Nur so sei die Befreiung des Individuums möglich.
Jetzt fragen wir uns natürlich: ist seitdem die Welt in der wir leben eine bessere geworden? Oder sind wenigstens die oben Genannten wahrhaft freier geworden? Expanded-minded wie wir sind wollen wir darüber kein Urteil fällen, schließlich kann man auch hinter Gittern zur Erleuchtung kommen. Und nach ihren Aktionen mangelt es eben diesen Künstlern keinesfalls an Gefängniserfahrung.
Auch bei einem anderen aus gleichem Land stammenden Filmemacher fragt man sich, ob Schockieren wirklich zur Läuterung des Menschen führt. Die Rede ist von Michael Haneke, der gerade mit Funny Games akribisch in Hollywood den gleichen Film gedreht hat wie vor Jahren in Österreich. Hanekes Hauptanliegen ist es, die Unmöglichkeit der Kommunikation (darüber kann er ja jetzt nach seiner wohl nicht ganz reibungslos verlaufenen Kulturbegegnung ein Lied singen) und Gewalt auf die Leinwand zu bringen, und zwar im Unterschied zu einem Tarantino in ihrer schnöden Hässlichkeit. Unterhaltung verboten, Musik verboten. Naja, nicht ganz, in Der siebte Kontinent plärren ja noch die Pop-Rock-Schnulzen der 90er Jahre aus dem Fernseher, nachdem sich die Familie kollektiv in den Selbstmord begeben hat (ja, wir sind in Österreich!)
Also doch: jede Unterhaltung die ablenkend sein könnte, wie Musik die das Geschehen wiederholt und den durch das Sehen entstehenden Eindruck verstärkt: verboten. Ästhetik der Bilder: verboten. Evasion: verboten. Nackte, rohe Hässlichkeit, nur so kann laut Haneke eine wahre (Selbst-)Reflektion und so Läuterung beim Zuschauer ausgelöst werden (wen Hanekes Gedankenkonstrukt interessiert: hier ein in der Zeit erschienenes Interview).
Nun traf es sich, dass ich an ein und dem selben Tag zwei Filme gesehen habe, die soziale Misstände und Gewalt an den Pranger stellen. Der erste war 71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls von Haneke, der zweite La Zona von Rodrigo Plá. Nach diesem Double-Feature kam bei mir die Erkenntnis auf: die Mittel der Filmkunst (auf die Haneke in 71 Fragmente soweit wie möglich verzichtet) sind nicht umsonst da, erst durch sie können bestimmte Reaktionen ausgelöst werden. Dies zu verneinen wäre, kognitiv-psychologischen Vorgängen völlig die Existenz abzureden. Bei Haneke ist meine einzige Reaktion entnervte Wut, aber nicht (oder nicht so sehr) angesichts der dargestellen Misstände, sonder hauptsächlich gegenüber dem Filmemacher, also der Form. Bei La Zona war es Wut über die Ungerechtigkeit und Brutalität des Inhalts.
Wir sollten aufhören, den Wunsch, in andere durch die Kultur vermittelte Welten abzuschweifen, mit Oberflächlichkeit gleichzusetzen. Mehr Mut zu Ästhetik und anspruchsvollem Unterhaltungskino!
Na vielleicht würde man den Film von Haneke ja bewundern, wenn man ihn 5x anschaut. Manche Filme werden da besser.
Vermutlich ist der Regisseur schon zu sophisticated, um sich auf die Empfindungsstufe des Otto-normal-Kinobesuchers herunterzulassen und ihm leichter verdauliche Kost zu präsentieren.
Wenn ich da dran denke, dass ich mit dir schon über einen so simplen Film wie den letzten James Bond danach noch eine Stunde lang durchgekaut habe, was überhaupt in welcher Reihenfolge und warum geschehen ist… *lol* Ich bin wohl der Otto-Null-Kinobesucher :-)
(Ok, meine Übersetzerin hat auch nur übersetzt, wenn sie etwas als elementar wichtig empfand ;-)