Dublin Pride Parade 2009
Was für ein schöner Samstag in Dublin! Und voller Überraschungen! Die erste war, dass die Ungutes verheißenden Wolken des Morgens gegen Mittag einem blitzeblanken Himmel Platz machten. Die über das Blau herrschende Sonne bordete unerwarteterweise derart vor Energie über, dass sie mir einen hübschen Sonnenbrand auf Ausschnitt, Rücken und Kopf zauberte. Tja, so ist es eben, wenn man im kleinen Schwarzen und barhäuptig stundenlang durch die Straßen Dublins zieht. Wer schön sein will… Und was tut man nicht alles, um an einem 27. Juli 2009 bei der Dublin Pride Parade gesehen zu werden?
Also: je ne regrette rien. Wenn ich auch meiner Haut keinen besonderen Gefallen getan habe, so bleibt doch die Erinnerung an einen Tag für eine Weile sehr lebendig, der so aus dem Rahmen des Dublin springt, wie es sich mir sonst so zeigt. Nämlich grau, unfreundlich und vor allem nicht besonders open minded. Unterschiede werden einfach sanktioniert. Und sei es nur durch offen ablehnende Blicke.
Wenn man sich nur dadurch von anderen unterscheidet, dass einem wie mir keine schnöde abgestorbene Hornhaut aus dem Kopf sprießt, dann bekommt man das einfach zu spüren. Für mich ist es kein Problem, schließlich gewöhnt man sich an alles und es hat keine weiteren Konsequenzen auf mein Leben. Ich hatte wegen meiner Kahlheit noch nie Probleme, meine beruflichen Ziele zu erreichen. Eine Wohnung habe ich auch immer gefunden. Meine Familie und meine Freunde stärken mir den Rücken, statt sich von mir abzuwenden, als wären sie erschrocken, etwas “Seltsames” in mir zu entdecken. Aber was ist mit Menschen, die aus dem einzigen Grunde sanktioniert werden, dass sie sich verlieben bzw. sich nicht in eh fragwürdige Rollenschablonen stecken lassen wollen? Und was ist das für eine verbohrte Idee, dass sich Liebe nur zu, sagen wir, der Hälfte der Menschen entwickeln soll, die wir kennen lernen? Die uns alle verzaubern, mitreißen, inspirieren, staunen, lachen und weinen lassen? Unabhängig davon, als welches Geschlecht sie geboren sind.
Nun gibt es Menschen, die begriffen haben, wie vorsintflutlich, wie intellektuell, spirituell und – ja! – auch sinnlich eingeschränkt und einschränkend es ist, seine Liebe nur jenen zu schenken, die die Evolution zufällig irgendwann einmal zu dem oder dem Part in der Fortpflanzung bestimmt hat. Allerdings werden diese Menschen für ihre fortschrittliche, freiheitshungrige Einsicht bestraft. Sie müssen sich dessen schämen, was sie im Grunde doch gar nicht anders macht.
Man sollte meinen, dass die Diskriminierung von Homosexuellen nur noch eine Macke der Großelterngeneration ist. Weit gefehlt. Meine damals 86jährige Mitbewohnerin in Rom hörte nicht auf, den Kopf über die scheinheilige Empörungswelle von seiten vieler Politiker und Klerikaler zu schütteln, die in der Einführung des DICO, eines eheähnlichen Vertrags für Homosexuelle, den Verfall der Familie und damit natürlich aller gesellschaftlicher Werte sahen. Dass ein Kind viel glücklicher aufwächst bei Eltern, die sich bewusst für das Elternsein entschieden haben, aber gleichgeschlechtlich sind, als bei Eltern, die in katastrophalen Zuständen Kinder bekommen, sich aber eben körperlich in gewissen Dingen unterscheiden, darüber müssen wir nicht reden. Gerade in einem Land wie Irland, in dem Abtreibung noch immer verboten ist, ist letzteres Szenario leider oft anzutreffen.
Homophobie ist also keineswegs eine Frage des Alters. Sonst würde sich keiner der älteren noch jüngeren Angestellten wundern, wenn die Kollegin sagt: “Heute Abend führe ich meine Freundin zum Essen aus”. Es ist doch selten, das zu hören, oder?
Neben dieser himmelschreienden Rückständigkeit in Sachen Frauenrechte ist in diesem Land die Gay and Lesbian Community recht unsichtbar, wenn man sich nicht darin bewegt. Umso erstaunter war ich gestern, wie viele bei der LGBTQ (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgendered, Queer) Pride Parade waren, um sich stolz der Öffentlichkeit zu präsentieren und zusammen zu feiern, voller Ausgelassenheit, Lachen und Engagement (hier ein paar Eindrücke). Menschenmassen lösen sonst immer Panik in mir aus, dieses Mal aber nur überschwängliche Freude. Ein schöner Tag, lauter schöne Menschen, gute Laune überall.
Einen Tag zuvor, am 26. Juli, meinte der irische Justizminister Dermot Ahern wohl, der Community einen Gefallen zu tun, indem er die sogenannte Civil Partnership Bill veröffentlichte, ein eheähnlicher Vertrag, mit dem homosexuelle Partnerschaften ab Ende des Jahres rechtlichen Status erlangen werden. Mit dem PACS im Hintergrund, der sich in Frankreich ganz gut durchgesetzt hat, war mein erster Gedanke: endlich! Aber einige Rednerinnen brachten mich zum Umdenken. Es ist durchaus etwas dran an der Argumentation, dass Homosexuelle damit wiederum nur in eine Box gesteckt werden, die man schön diskret verschließen, auf den Dachboden stellen und vergessen kann. Warum sollten wir uns damit zufrieden geben, dass Mitbürger nur einen ehe-ähnlichen Vertrag bekommen? Warum noch so eine Abspeisung? Ein weiteres Zeichen dafür, wie viel Arbeit noch zu tun ist.
Doch eine Pride Parade ist ein Fest. Und deswegen überwog auch gestern die Glückseligkeit, bei allem Kampfgeist. Leider hatte mir die Sonne irgendwann zu sehr zugesetzt. Auf dem Heimweg bekam ich plötzlich wieder die unangenehmen Blicke zu spüren, die es auf der Parade einfach nicht gab. Dadurch hatte ich einfach vergessen, dass manche mich als “anders” betrachten. Was ja gar nicht stimmt, genau so wenig wie bei allen stolzen Paradlern. Schade, dass wir uns nur bei so wenigen Ereignissen so zeigen dürfen, wie wir sind. Aber es gibt sie, solche Ereignisse. Und sie geben Anlass zur Hoffnung. Also: bon courage, oder, wie Élodie sagt: Seid mutig!
Es ist mir immer wieder eine Freude, Deine unvergleichliche Verbal-Schriftliche-Art zu konsumieren.
*erhebt-ne-flasche-shampoo-auf-alle-NICHT-tote-Hornhaut-aus-dem-KOPF-sprießenden*
Zum Wohl!
Ich schließe mich Stophs ebeno verbal-schriftlich gelungenem Lob an. Und danke dir für die einleitentenden Worte. Es stimmt, wir lieben dich barhäuptig mindest genauso wie eh und je und ich im speziellen finde dich (mit oder ohne Flaumhärchen) umso schöner!
Über die Ehe: Ich frage mich, warum die Institution Ehe derart ernst genommen wird von den Parteien der gleichgeschlechtlichen Liebe. Da jene in anderen Diskussionen nicht weniger impulsiv als überflüssig, veraltet, furchtbar konservativ usw. abgetan wird. Reines Prinzip? Sollten vielleicht größere Baustellen angegangen werden, um eine gesamtgesellschaftliche Etablierung homosexueller Liebes- und Lebenskonzepte voranzutreiben?
Die Ehe, kann eine wunderbare Sache sein, solange sie funktioniert.
Nicht jeder muss, nicht jeder kann, aber wer will, der sollte :-D