Übers Übersetzen
Verrückt ist das. Seit ich diesen Artikel geschrieben habe über das Wetter in Brüssel hat sich dasselbe dermaßen verschlechtert – ich habe bisweilen fast das Gefühl, wieder in Bayern zu sein. Da aber allein dieser Gedanke depressive Zustände, Übelkeit und Bauchkrämpfe bei mir auslöst (könnte zugegebenermaßen auch das libanesische Mittagessen gestern gewesen sein – ich muss Den Besten Chef Der Welt das nächste Mal unbedingt zu einem anderen Restaurant überreden…), muss dem sofort entgegengesteuert werden, so geht das nicht weiter. Meine Freunde schicken mir schon kommentarlos-vorwurfsvolle Mails mit dem – desolaten – Wetterbericht für die nächsten Tage; wenn das Wetter sich nicht bald ändert, wird mein Artikel wohl die vollkommene soziale Ächtung meiner Person in ganz Brüssel zur Folge haben. Fatal, was so ein kleines Artikelchen alles anrichten kann.
Und ehrlich: Das Wetter ist wirklich nicht schön so. Wenn ich da nachmittags bei völliger Dunkelheit im Büro sitze und die altbekannte bayerische Wasserwand vor dem Fenster sehe (nur dass die jetzt irgendwie auch nach Belgien ausgewandert ist, Bayern lässt mich nicht in Ruhe, aber dazu ein andermal mehr), da geht irgendwie alles gleich viel schlechter.
Der Beste Chef Der Welt ist nämlich in Urlaub gefahren und hat mich hier mit siebzig Seiten Kartellrecht auf Englisch alleine gelassen, das ich jetzt übersetzen soll. Und wie vor allem Lara bereits weiß, bin ich fürs Übersetzen erstens völlig unbegabt und bräuchte dringend ihre Expertise auf dem Gebiet (mal ehrlich: Tierdokus oder Kartellrechtsbroschüren, das ist doch Jacke wie Hose, oder?) und zweitens fehlen mir völlig jegliche Kenntnisse auf den Gebieten Volkswirtschaftslehre und Rechtswesen. Ich bin also völlig danebenqualifiziert, bin sozusagen um diese Aufgabe drumherumqualifiziert, wir haben ja so ziemlich alles mal ein bisschen studiert – außer eben genau DAS. Was ja auch gut ist. So habe ich jetzt exakt was ich immer wollte: Eine echte, richtige, große Herausforderung. Eine siebzig Seiten starke Herausforderung. Die Herausforderung der Herausforderungen. Zumindest für mich.
Habe mich dann auch ganz mutig ans Werk gemacht, bis hierhin überlebe ich noch mehr schlecht als recht (bis einschließlich der Exklusivhandelsverträge halte ich bereits tapfer durch) – es ist mir aber doch ein ganz persönliches Anliegen, hier einen kurzen Abriss des Verlaufs sowohl der Übersetzungsarbeit als auch ihrer Folgen zu geben, für den Fall, dass es da draußen im großen weiten Internet jemanden gibt, der mir vielleicht helfen könnte. Ich halte das im Übrigen wie beim Arzt: Wenn man bei dem ein bisschen mit den Beschwerden übertreibt, bekommt man ja vielleicht sogar ein Mittel verschrieben, das tatsächlich ein klein wenig hilft. Bleibende psychische Störungen kann ich also, denke ich, entgegen anderslautender Behauptungen weiter unten ausschließen, bin aber weiterhin der Meinung, dass es da irgendeinen Trick geben muss um solche beim Übersetzen wirksam zu vermeiden. Mir ergeht es gerade jedenfalls ungefääähr so:
Das Lesen des Textes verläuft zunächst erstaunlich positiv, ich verstehe fast alles, bin schon ganz beeindruckt ob meiner herausragenden Englisch- und Kartellrechtskenntnisse. Wusst ich gar nix von. Hätt ich mir auch mal sagen können.
Aber dann geht es los. Mit Hilfe meiner Freunde Google und Leo kämpfe ich mich durch den Fachbegriffedschungel. Auch auf Deutsch erschließt sich meistens für mich nicht so genau, was das nun eigentlich sein soll. Oder umgekehrt: Ich weiß ganz genau, was das sein soll, aber komme absolut nicht drauf, wie man das sagen könnte.
Irgendwann greift letzteres Problem auch auf verhältnismäßig einfache Wörter über, die ich auch auf Google nicht mehr finde, weil Google mit Eingaben wie: “naja, halt…äh…Dings!” auch nichts anfangen kann.
Rufe verzweifelt meinen Telefonjoker an, der irgendwann vor geschätzten 300 Jahren mal VWL studiert hat. Stelle ihm sinnvolle Fragen, deren bloße Formulierung mir schon peinlich ist: “Fadder, du, sag mal, wie heißen denn die anderen, die noch an einem Markt…also, wenn ich jetzt das Unternehmen bin, ja?, dann gibts doch noch andere so…dings…anbietende Anbieter halt und die…also nicht die Kunden, also Konsumenten, also…weißt du, was ich mein?”
Völlig entleert sucht mein Hirn im Weiteren nach der richtigen Schreibweise von Wörtern, die ich jeden Tag brauche, jetzt aber auf einmal schwören könnte, ich hätte sie noch nie geschrieben. “Wetbewärb” zum Beispiel oder “Rechzverletsung”.
Für Grammatik ist schon längere Zeit keine Gehirnzelle mehr übrig. Fange an, Englisch toll zu finden – die Deklination im Deutschen bereitet mir in diesem Stadium größere Probleme. Und was war noch mal den Unterschied zwischen Dativ und Akkusativ und wann tut man wem brauchen?
Mache endlich schweißgebadet einen Punkt hinter die Einleitung. Bin erstmal fix und fertig und hole mir den achten Kaffee. Starre dann auf den nächsten Satz.
Denke mir: Hm. Keine Ahnung, was das auf Deutsch heißt. Aber ich mach schon mal ein Komma da hin. Kommas braucht man ja immer. Also tippe ich mal ein Komma ein. Nachher kommt bestimmt eine Stelle, da brauch ich dann ein Komma und dann denke ich mir: Meeensch, bist du schlau, jetzt hast du schon ein Komma eingetippt, brauchste ja jetzt keins mehr zu tippen, steht ja schon eins da, kannste ja gleich das nehmen, das ist super, tippen wir erstmal ein Komma.
Dann passiert aber lange nichts. Starre apathisch den Text an. Text starrt zurück.
Und dann tippe ich noch ein Komma, es fehlen ja noch 63 Seiten, da kann man bestimmt auch noch ein zweites Komma gebrauchen.
Zehn Kommas später hole ich mir den neunten Kaffee. Und überlege: Jetzt habe ich zwar 13 Kommas, aber woher weiß ich noch mal, wo die im Satz hinmüssen? Beschließe, dass Kommafehler sexy sind und nehme mir den Text wieder vor. Leider den Denkfehler übersehen, dass Kommafehler nur und ausschließlich dann sexy sind, wenn der Rest des Textes einwandfrei ist. Verteile stattdessen meine 13 Kommas völlig unsexy quer über die Wortlandschaft.
Das Telefon klingelt. Erst schaue ich den hässlichen, piependen schwarzen Kasten ratlos an, denke dann: “Kontakt zur Außenwelt! Man hat mich hier nicht vergessen!” und gehe ran. Vergesse, was zu sagen. Ein “Hallooo?” erinnert mich daran. Äh. Wo bin ich noch mal? “Äh…Brüssel…Dings…na, Sie wissen schon. Hier sprech ich und wer sind Sie?” Habe Glück: Es ist Der Beste Chef Der Welt, der auch im Urlaub dauerarbeitet. Bin beeindruckt. Verbindung ist aber so schlecht, dass er sowieso nichts hört, ich höre ihn hingegen ausgezeichnet – und den Lärm im Hintergrund auch (rappelvolle Kneipe, würd ich sagen. Könnte auch eine Bahnhofshalle sein, kurz nachdem vier vollbesetzte Züge gleichzeitig eintrafen). Der Beste Chef Der Welt brüllt mir einen Arbeitsauftrag ins Ohr. Ich sage: “Alles klar!” Er: “WAAAAAAS?” Verspüre ein Klingeln im Ohr. Wechsle das Ohr (fataler Fehler). Schreie meinerseits: “AAALLES KLAAAAR, SCHÖÖÖÖNEN TAAAAG NOOOOCH!!!!” Er: “WAAAS? BIIIST DUUU NOOOCH DAAAA?” Resultat: Klingeln auch im anderen Ohr. Ich lege auf.
Irgendwann ist der Arbeitstag endlich vorbei. In der Tram schlafe ich friedlich ein, sanft gewiegt und von meinen Ohren in den Schlaf geklingelt. An der Endhaltestelle rätsle ich, wo ich eigentlich hätte aussteigen müssen. Gute Frage. Ich glaube, irgendwo zwischen den Patentgemeinschaften und den selektiven Vertriebssystemen. Denke, dass ich dringend Urlaub brauche und halte für ungefähr drei Sekunden meine Urlaubssperre in der Probezeit für eine drakonische Strafe – dann fällt mir aber wieder ein, dass ich sowieso nirgendwo anders hinwill als eben genau hierher. Wo sollt ich auch hin? Nach Bayern vielleicht? Und warum sollte ich wissent- und willentlich weg aus dem Paradies? Wegen 70 Seiten Kartellrecht vielleicht? Pah!
Schleppe mich zu Fuß nach Hause, lasse mich bäuchlings aufs Bett (bzw. auf das, worauf ich momentan schlafe, bis mein Vermieter sich daran erinnert, dass er mir noch ein Bett schuldet und eeeendlich den Weg zur IKEA findet) fallen, schlafe sofort wieder ein und träume mir ein kleines eigenes Kartell. In grün. Mit Blümchen drauf.
Aber ehrlich, ich frage mich derzeit: Kriegen Studenten im Übersetzerstudium eigentlich Psychopharmaka oder wie haltet ihr das aus? Tragt ihr immer einen Zettel mit eurer Adresse mit euch herum und einen Maulkorb, für den Fall, dass ihr im Übersetzungsrausch unschuldige Passanten anfallt? Und vor allem: Wie macht ihr das in Städten, die sich weniger ausgleichend auf das Gemüt auswirken als Brüssel? Meditation? Yoga? Kickboxen? Dauer-Supply an Koffeintabletten? Ich meine, um mich selbst mache ich mir keine Sorgen mehr, denn ich weiß ja: Solange ich hier noch übersetze, muss ich garantiert nicht nach Bayern (wie gesagt, näheres hierzu folgt irgendwann), was sich außerordentlich beruhigend und konzentrationsfördernd auswirkt. Aber ihr?
*** Wörter, die “Übersetz~” beinhalten haben die Abkürzung “Ü.” ***
Ich weiß nicht so recht, wie das kommt, aber irgendwie fühle ich mich als Ü.in angesprochen.
Ich habe ein Studium in Fachü. hinter mir. Da lernt man, wie man technische, (finanz-)wirtschaftliche, medizinische und juristische Texte ü. Seid alle beruhigt, ich habe das nicht gemacht, weil ich so wild auf Kopfzerbrechen war, sondern weil es mein Eintrittsticket zu einem anderen Ü.-Studiengang, nämlich Filmü., war. Und wie das mit Tickets so ist haben sie ihren Preis. Der setzte sich zusammen aus viel Langeweile ob der trockenen Themen, Frustration ob erfolgloser Recherche und überstrapazierter Geduldsfäden ob der Tatsache, dass man einfach nicht vorankam.
Doch Tickets eröffnen einem auch neue Welten. Und so habe ich durch dieses grässliches Jahr alle Werkzeuge in die Hand bekommen, die mir jetzt ein relativ kopfschmerzfreies Ü. erlauben. Diese Werkzeuge wären:
1. den Ausgangstext lückenlos verstehen. Wenn man als Ü.=Vogelmama nämlich das Futter für die kleinen Piepser (=Leser des ü. Textes) nicht richtig zerkaut, dann bekommen die kleinen Piepser eine Magenverstimmung, ärgern sich und können auf keinen Fall ihr Futter genießen. Noch nutzen.
2. gute Recherche betreiben. Wenn man das betreffende Wort nicht in seiner on- oder offline-Wörterbuchsammlung findet, dann heißt es methodisch ans Wortsuchen rangehen. Nach Aristoteles vom Allgemeinen zum Spezifischen. Die Wissenschaft mag Wikipedia ächten, aber für einen Wortschnüffler ist es genau das Richtige, um sich schnell in ein Thema reinzulesen. Außerdem ist es ein ganz guter Ausgangspunkt für vertiefte Recherche, mit der man sich auch gut an den Stil des jeweiligen Gebiets gewöhnen kann. Am Ende muss man ja als simpler Fährmann (vom Ufer des einen Sprachenlandes zum Ufer des anderen) so schreiben, als hätte man dreißig Jahre nichts anderes gemacht, als Mikrowellen zusammenzusetzen, neue Tunnelbaumethoden anzuwenden, Ghettoslang zu sprechen oder eben Kartellrecht zu betreiben. Das führt uns auch schon auf direktestem Wege zu Punkt
3. die eigene Sprache einwandfrei beherrschen. Das heißt, viel Lesen und Reden/Schreiben. Bentchen, ich glaube wirklich, dass DU die letzte Person bist, die damit ein Problem hat. Man muss nur einmal das Wirkungsband zerschneiden, mit dem der Ausgangstext uns fesselt und in seinen Satzstrukturen gefangen hält. Auf die eigenen Sprachstrukturen runterbrechen. Dann passt das.
4. Auf Mittelmeer schauen. Das chef d´oeuvre ein paar Stunden ziehen lassen, raus gehen, aufs Mittelmeer schauen (der Tip kam von einem Prof während meines Studiums in Nizza) und nochmal lesen. Erst dann fallen einem nämlich dicke fiese Logikfehler und unschöne Wortmutzeln auf.
Inzwischen mache ich wie gesagt keine Fachübersetzungen mehr. Aber um diese mal ein bisschen in Schutz zu nehmen (die armen! keiner mag sie…): man kann auch ihnen etwas abgewinnen. Man muss sich als Dektektiv vorstellen, der seine Indizien sammelt und ordnet, um so den Worten auf die Schliche zu kommen.
Dann viel Erfolg noch, Bente! Ich mache übrigens tatsächlich Yoga. Power Yoga.
Also, werte Bente, lass Dir von Deinem Chef, das Büro mit Mittelmeerblick, gleich am Montag bestellen. Natürlich mit Shuttle-Flug-Service und allem Schnickschnack.
Lariiiiiiiita, viiiiiiiielen Dank für die Lebensrettung! Grade die Links, die du mir geschickt hast, machen mein Leben um so vieles leichter! Dankedankedanke!!
Was den Mittelmeerblick angeht: Abgelehnt. Wenn schon Meer, dann RICHTIG. Und Brüssel ist sowieso viel schöner als Rimini. Dafür haben die in Italien das bessere Eis. Is ja immer irgendwas.
:) Freut mich.
Thema Mittelmeerblick: das ist natürlich im übertragenen Sinne zu verstehen. Ich denke, eine Kontemplation der von Manneken Pis´ Wasserstrahl freigesetzten Fluten tut´s auch.