Die Türklingelfrage
Für diese Frage muss ich etwas weiter ausholen. Es ist nämlich so in Belgien, dass man sich wohnhaft melden muss wie überall sonst in Europa auch (nehm ich mal an). Dazu braucht man erstmal einen Termin bei der Gemeinde, den man eigentlich laut Homepage auch telefonisch ausmachen kann. De facto braucht man aber eine grüne Pappkarte. Ohne grüne Pappkarte kein Termin. Und die grüne Pappkarte muss man sich persönlich am Schalter abholen. Sagt einem natürlich keiner. Das heißt: Egal ob Termin oder nicht, man steht erstmal ewig am Schalter rum und wartet auf seine grüne Pappkarte und bis man die kriegen kann, ist der Termin schon längst vorbei und man kriegt einen neuen Termin auf seine grüne Pappkarte geschrieben, für den man dann wieder extra anrücken muss. Wenn man es dann aber irgendwann schafft und tatsächlich einem dieser städtischen Beamten in Fleisch und Blut gegenübersitzt, geht eigentlich alles ganz schnell. Das Problem ist dann nur: Statt dass die Leute bei der Gemeindeverwaltung einem das einfach glauben, dass man da wohnt, wo man sagt, dass man wohnt, schicken die die Polizei vorbei. Macht ja auch Sinn. Wenn die Polizei schon selten kommt, wenn man sie braucht, dann kann sie wenigstens mal reinschauen, ob da, wo “Bente” draufsteht, auch wirklich “Bente” drin ist. Arbeitsbeschaffungsmaßnahme sozusagen. Problematisch wird es aber, wenn da, wo “Bente” drin ist, gar nicht “Bente” draufsteht.
Gestern war auch bei mir endlich mal die Polizei da, in Form eines selten dämlichen Menschen. Das find ich so richtig gut, dass solchen Leuten geladene Schusswaffen in die Hand gegeben werden, und das beruhigt mich erst recht mal volle Kanne, wenn der mit seiner Pistole am Hintern dann noch bei mir im Wohnzimmer steht und die gesamte Bandbreite seiner Intelligenz zur Schau stellt. Es war eine beeindruckende Vorstellung. Er beschwerte sich zunächst, dass ich ja nie da sei (was stimmt, das muss man seiner Argumentation lassen) und dass er angeblich schon fünf Mal dagewesen sei und mir Kärtchen mit seiner Telefonnummer hinterlassen habe – von denen aber weder ich noch mein Vermieter irgendwas gesehen haben. Und eins von fünf Kärtchen wär dann ja mal irgendwann doch aufgefallen. Dann jammert er weiter, dass er aaaalle Türklingeln gedrückt hätte. Großhirn. Echt. Da GIBT es nur eine Klingel. Die gehört meinem Vermieter. Das Kabel von den anderen hängt deutlich sichtbar zur Wand raus. Kann er drücken, so viel er will. Und überhaupt müsse da mein Name an der Tür stehen, findet er. Äh. Da steht überhaupt kein Name an der Tür. Sagt er, ich müsse meinen Namen aber neben meine Türklingel… Heeeiligsblechle, ich HAB überhaupt keine Türklingel! Sagt er, das könne ja nicht sein, ich müsse eine Türklingel kriegen, so ginge das ja nicht in Belgien, da müsse alles seine Ordnung haben und ich brauche eine Türklingel, damit ich meinen Namen danebenkleben kann. Und nachdem er dann noch ein bisschen in meine Schränke gelinst hat, ob da auch wirklich Sachen drin sind (wobei ich mich frage, ob das so ganz rechtens ist, dass da nur einer und nur ein Mann bei mir in der Unterwäsche…) ist er dann umgehend meinen Vermieter suchen gegangen um ihm zu sagen, dass das ja so nicht ginge, weil dessen Name ja auch nicht an der Tür steht und überhaupt brauche die Mademoiselle (das bin ich) ja eine Türklingel, weil man ohne Türklingel quasi nicht lebensfähig ist in Belgien, dann hat man ja nix, wo man seinen Namen danebenkleben kann. Immerhin hat er aber, nachdem er meinen Personalausweis abgemalt hat, gesagt: „Voilà, Mademoiselle, tout est en ordre pour vous.“, also anscheinend darf ich auch ohne Türklingel in Belgien bleiben. Und dann hat er mich noch gefragt, ob ich meinen Nachbarn, der übrigens Jean-Sonstwas heißt, schon mal gesehen hätt. Der sei nämlich nie da. Klar ist er das nicht. Jean-Sonstwas arbeitet wie jeder normale Mensch. Der kann nicht nachmittags um sechs auf irgendwelche Polizisten warten, die vielleicht mal kommen oder auch nicht. Und weil wir ja keine Türklingeln haben…
Dann kam mein Vermieter nochmal, um mit mir die Türklingelfrage durchzudiskutieren, weil er die ebenfalls nicht als Problem gesehen hat. Ich kann mir auch Schöneres vorstellen als von jedem Idioten, der da an der Tür vorbeigeht und meinen Namen lustig findet, aus dem Schlaf gerissen zu werden. Am Freitag erst hatte ich so nen Typen, der mir hinterhergelaufen ist, weil er mich toll fand – eigene Aussage – und mich VOR meiner HAUSTÜR, als ich den Schlüssel gerade ausgepackt hatte, fragte, wo ich denn wohnen würde. Uff. Wenn dieser nobelpreisverdächtige Mensch auch noch bei mir klingeln könnte, ich würde ja wahnsinnig werden. Nicht auszumalen, wie diese Krone der Schöpfung da bei mir vor der Haustür steht und überleeeegt und überleeeegt und dann Stunden später, wenn ich friedlich schlafe, den Geistesblitz hat, einfach bei allen weiblichen Namen an dieser Tür zu klingeln. Oioioi.
Nicht zu vergessen sind auch die allseits bekannten Ruhestörer und Hausierer, die einem da den Weltbestseller in ihrer ganz eigenen Zeugen-Jehovas-Edition verkaufen und gleich interpretieren wollen, oder all jene, die vergeblich versuchen, den Hunger in der Welt vor großen blauen Haustüren in kleinen Brüsseler Einbahnstraßen zu bekämpfen oder natürlich auch die, die meinen, sie könnten behinderten Menschen dadurch das Leben erleichtern, wenn sie anderen Menschen das eine oder andere Ohr abkauen. Mal ehrlich: Das hilft niemandem. Zumal bei Leuten wie mir, die sich nicht zwangsläufig verpflichtet fühlen, die Tür zu öffnen, nur weil da wer klingelt. Wenn also Menschen wie ich über eine Türklingel verfügen, sorgt das nur für eine zusätzliche Lärmbelästigung. Lärm ist Stress für den Körper. Und in meiner kleinen, bunten und entspannten Welt gibt es keinen Stress. Hab ich gar keinen Platz für. Meine Wohnung ist nicht so groß. Und wem wäre damit geholfen? Den hungernden Kindern in Afrika vielleicht? Na also.
Wow, das hört sich ja sehr nach bürokratischer Überwucherung an! Hier in Irland musste ich mich nie anmelden, auch, wenn ich in Deutschland komplett abgemeldet bin. Das heißt ich hatte auch keinen netten Besuch von der Garda, der irischen Polizei. Die sind so und so entspannt, zumindest wenn man davon ausgeht, dass sie einen noch Grüßen, wenn man ihnen auf einem überfüllten Bürgersteig auf dem Sattel seines Fahrrads thronend vor den Füßen herumfährt. Wenn man direkt vor ihnen an einer Ampel über Rot fährt ist das auch no worries. In unserem Fall wäre es wie bei Dir schwierig, dass Sie an unserer Klingel klingeln. Eine solche gibt es nämlich. Aber erstens stehen natürlich keine Namen drauf, sondern nur Wohnungsnummern (davon gibt es so 240, schätzungsweise). Und klingeln oder summen tut da gar nichts. Es hat nämlich irgendwann so viele Einbrüche gegeben, dass die Klingeln abgeschaltet wurden. Eine äußerst gewinnbringende Idee. Denn jetzt darf man jedes Mal, wenn man Besuch hat, nach unten, um die Leute reinzulassen. Gleiches Spiel, wenn der Besuch wieder von dannen zieht. Zudem wage ich zu bezweifeln, dass deswegen weniger Individuen unberechtigterweise reinkommen. Denn anstatt sich jetzt nur dem die Tür öffnet, der einen konkreten Besuchsadressat hat (was in anderen ähnlichen Gebäudekomplexen ein Pförtner überwacht), muss man jetzt nur noch lang genug warten, bis ein Bewohner ein- oder ausgeht. Bei schätzungsweise 240 Wohnungen ist die Wartezeit da gering. Nun gut, einmal hat es ein Polizist doch an unsere Wohnungstür geschafft. Und da ich niemandem öffne, gleich recht keinem, der sich mit “Garda” vorstellt, musste er sein Zettelchen unter der Tür durchschieben. Es handelte sich um eine Vorladung zum Gericht. Mit dieser Überbringung hatte auch dieser Ordnungshüter wie sein belgischer Kollege viel Spürsinn bewiesen, denn die Adresse auf dem Zettelchen lautete eindeutig “Richmond Square” und nicht nur “Richmond” und befand sich in einer ganz anderen Straße… Es schadet also wirklich nicht, dass die Klingel nicht funktioniert.
Na aber du scheinst ja wenigstens eine Hausnummer zu haben, Bente. Bei uns gibts sowas gar nicht. Unser Haus hat wie gesagt einen Namen, keine Nummer. (Im Gegensatz zu den 240 Briefkästen im Block, die haben alle nur Nummern, keine Namen. Und die Klingeln haben auch keine Namen aber Nummern aber dafür auch keine Funktion s.o.)
Und dann passieren solche Sachen, wie dass ein Rundschreiben der Hausverwaltung ankommt, dass in ein paar Tagen die Schlösser ausgetauscht werden und die alten Schlüssel nicht mehr gehen. Ruf ich die Agentur an, ob die neue Schlüssel haben, will ja nicht vor verschlossenen Türen stehen. Die wissen von nix aber meinen die Vermieterin sollte die Schlüssel ja dann zugeschickt bekommen haben. Ruf ich die Vermieterin an, die weiß von nix und hat auch keine Schlüssel, meint aber, die Agentur könnte bescheid wissen oder halt die Hausverwaltung. Ruf ich bei unserer Hausverwaltung an, die wissen auch von nix!
Check ich den Zettel nochmal genauer und rufe bei der Nummer an die dort steht – die wissen von was. Nämlich, dass der Mann, der diese Zettel im Haus namens “Richmond Square” austeilen hätte sollen die aber alle im Haus namens “The Richmond” ausgeteilt hat und ein vollständiger Hornochse ist.
Aber wer Hornochsen anstellt muss sich dann auch nicht wundern, wenn sie die falschen Türen einrennen…
Wow. Ich hätte nie gedacht, dass man so viel über Türklingeln reden kann, zumal wenn sie nicht vorhanden bzw. funktionslos sind. Wobei ich immernoch der Meinung bin, dass die Leute, die wirklich rein wollen bzw. unbedingt reinkommen sollen, das auch schaffen – mit oder ohne Klingel und Namensschild an der Tür. Der Herr Polizist hat’s bei mir ja auch geschafft. Fällt aber eher unter erstere Kategorie und weniger unter letztere.
Ebenfalls interessant, das man aus diesen Beiträgen ableiten kann, welche Berufsgruppen anscheinend vornehmlich von geistiger Leistungsschwäche betroffen sind. Ist das länderabhängig? Also in Irland die Briefträger, in Belgien eher die Polizisten,… Wiewohl ich sagen muss, dass ich meinen Glauben an die belgische Post ebenfalls vollständig verloren habe, seit mir regelmäßig in der Tram ein Briefträger mit einer Tasche voller zuzustellender Post begegnet. Ich meine, wenn die ohnehin schon unzuverlässige Post auch noch auf den lausigen Service des Brüsseler ÖPNV angewiesen ist, dann wundert mich echt nicht, warum man hier manchmal ne Woche braucht um einen Brief innerhalb Etterbeeks (!) zuzustellen. Da hat einfach ein Briefträger den Bus verpasst. Oder streikende Bauern blockieren die Tram. Und auf einmal leuchtet alles ein.