Little Bathroom Of Horrors
Es ist so wundervoll, in Belgien zu leben. Ständig passiert etwas neues. Morgens weiß man nie, in welchem Zustand man die Wohnung abends wieder betreten wird – in aller Zweideutigkeit dieses Satzes. Als kleines Beispiel eine Szene aus dem Alltag:
Eines Abends um elf, als ich mich gerade schön gemütlich mit einem Gläschen Chouchenn und einem Film auf meine Couch gefläzt hatte, fing ein ohrenbetäubender Lärm in meinem Badezimmerchen an, und als ich nachsehen ging, kamen mir Stückchen der Badezimmerdecke freudestrahlend entgegengelaufen, die mich gerne einmal persönlich kennenlernen wollten. Zum Transport Richtung Boden nutzten sie das Duschwasser meiner neuen Nachbarin von obendrüber, das sich ebenfalls von der Decke in mein Bad ergoss und dabei sogar ziemlich oft das Waschbecken traf, was ich sehr erstaunlich fand, mal rein stochastisch betrachtet. An sich bin ich ja auch sehr dafür, Wasser zu sparen. Ob es aber eine so gute Idee ist, mir mit dem Duschwasser meiner Nachbarin gleich die Haare mitzuwaschen, bezweifle ich. Also habe ich meinen Vermieter angerufen, der sogar zur Abwechslung erreichbar und im Haus war. Er stand dann geschlagene fünf Minuten mit offenem Mund in meiner Badezimmer(chen)tür und guckte sich den Badezimmer(chen)monsun an. Und guckte. Und guckte. Und sagte schließlich, er habe da wohl einen Fehler gemacht beim Einbau der nachbarlichen Dusche. Dies ist eine interessante These, wie ich finde. Man merkt sofort: Der Mann hat studiert. Und man merkt außerdem: “European Studies” auf Master an der Uni Louvain stellt keine geeignete Berufsausbildung zum Klempner dar.
Er hielt es denn auch in Anbetracht der fortgeschrittenen Stunde für “embêtant”, die neu eingezogene Nachbarin zu nerven und würde deshalb bei mir die Decke aufreißen. Klar, mit der Bente kann man’s ja machen. Aber gut, in Anbetracht der Tatsache, dass sich die Decke schon von alleine teilweise aufgerissen hatte und ich prinzipiell immer sehr an einer pragmatischen Problemlösung interessiert bin, harrte ich der Dinge. Mein Bad wurde nächstentags am offenen Herzen…äh, der offenen Zimmerdecke operiert. Wär ja auch zu schön gewesen, wenn mal ganze zwei Wochen am Stück in meiner Wohnung NICHTS passiert wäre und ALLES funktioniert hätte. Die (übrigens sehr schlecht vernarbte) Operation zeigte sogar Wirkung, wenn auch keine optimalen Resultate. Schon wenige Tage später hat meine Badezimmerdecke wieder zaghaft zu tropfen begonnen, was mir auf dramatische Weise bewusst wurde.
Da kam ich gerade nach einer bis in die frühen Morgenstunden durchzechten Nacht ins Badezimmer – mit dem dazugehörigen Schwindelgefühl und schlechten Geschmack im Mund – und sehe gerade noch, wie das Duschwasser meiner Nachbarin aus der Decke direeeekt auf meine Zahnbürste drauftroff. Das sind Momente, da fühlt man sich vom Schicksal richtig geliebt.
Aber man darf auch nicht zu viel erwarten. Es schüttet nicht mehr wie aus Kübeln von meiner Badezimmerdecke und ich habe jetzt eine hauseigene Stalaktiten-Zucht. Hat auch nicht jeder. Und ganz ehrlich: Ne neue Zahnbürste habe ich sowieso mal wieder gebraucht.
Ich kann dich förmlich vor mir sehen als Bild von Carl Spitzweg:
Die Beschreibung dazu erzeugen wir mal fix mit copy, paste and modify slightly (in Anlehnung an Wikipedia):
“Das Bild zeigt die arme Bente in ihrem ärmlichen, ungeheizten Badestübchen.
Das enge Zimmer wird links von einer trüben Funzel beleuchtet. Rechts ist die herunterbröselnde Decke des Zimmers zu erkennen, an der ein Regenschirm hängt, der die Zahnbürste vor dem durch die Decke tropfenden Nachbarinnenduschwasser schützt.
Die dargestellte Bente besitzt kein Bett. Statt dessen muss sie im Stehen im Bad schlafen wenn sie mal wieder übernächtigt heimkommt.
…
Rezeption:
Die ersten Kritiken an Die arme Poetin waren so schlecht, dass Bente ihre Geschichten fortan nicht mehr mit ihrem wahren Namen, sondern lediglich mit ihrem Pseudonym Bente signierte.
Eine Umfrage zu Beginn des 21. Jahrhunderts ergab, dass Die arme Poetin – gleich nach Leonardo da Vincis Mona Lisa – zu den beliebtesten Motiven der Deutschen zählt.”
Also so ungefähr. ;-)
Die Briefmarke hab ich übrigens eigens für dich mit meinem Pseudonym “Holzweg” unterzeichnet.
(Mein Ersatzpseudonym für eilig angefertigte Plagiatbeschreibungen.)
Wow, ich bin beeindruckt. Hätte nie gedacht, dass ich dir das zu verdanken habe. Eines der beliebtesten Motive der Deutschen… In der Tat hängt das Bild als Wachsabguss im Farbton häßlichbraun bei meiner Oma im Esszimmer. Wenn DIE wüsste, WAS sie da hängen hat… ;)
Und das mit dem Regenschirm ist eine gute Idee. Wenn mein quietschgrüner fünf-Euro-Knirps (der von Xynthia-dem-Sturmtief schon etwas angeknackst ist) also endgültig den Geist aufgibt, dann werde ich ihn tatsächlich als dekorativen Zahnbürstenschutz unter meiner Badezimmerdecke anbringen.
Dass meine Kritiken aber schlecht sein sollen, ist mir neu. Weitere solche Kritiken bitte also direkt an mich, denn I can make it longer if you like the style, I can change it round, ’cause I wanna be a Paperback Writeeeeer….Paaaperbaaack Writeeeeer…oder so ähnlich.
Ich hatte das Bild ja eigentlich anders geplant:
Erstens wollte ich, dass die Wände hellblau und orange werden. Mein damaliger Mitarbeiter Banksy meinte jedoch “in hässlichbraun ist es doch so schön hässlich. Und wenn es dann berühmt wird und es sich jeder in hässlichbraun aufhängt dann lachen wir. Und dann machen wir auch noch hässlichbraune Neuauflagen (Neuplagiate) von diesen Typen Liechtenstein, Rizzi und vor allem von Warhols quitschiger Marilyn. Hässlichbraun muss in die Esszimmer unserer Zeit!”
Und so haben wir das dann auch gemacht.
Zweitens plante ich auch nicht, dass es das Lieblingsbild der Deutschen wird. Mir geht es wie Van Gogh und seinem Nachtcafé, ich betrachtete das Bild (nicht jedoch die abgebildete arme Poetin Bente selbstverfreilich) als eines der “hässlichsten Bilder die ich je plagiatiert habe”. Die Beliebtheit des Bildes kam dann durch Schadensfreude: “guckt mal wie schlecht die Bäder in Belgien sind. Hahaha.” Damit war dem Siegeszug des Bildes in die Esszimmer der Deutschen als Wachsabguss in hässlichbraun Tür und Tor geöffnet.
[Gegenbeweis: in Ländern wo die Bäder noch schlechter sind (z.B. Simbabwe, Gabun, Nordkorea) findet man das Bild dann auch weitaus seltener...]