Die Freuden Brüsseler Autobesitzer
Eigentlich hätte ich am letzten Dienstag einen Werkstatttermin gehabt. Zwar bin ich zugegebenermaßen ein ziemlicher Raben-Autobesitzer, aber diesmal hatte sich einiges angesammelt: Es war sowieso mal wieder ein Kundendienst fällig, außerdem sind die Bremsen ziemlich abgefahren, beim Fahren macht der Wagen ganz merkwürdige Geräusche und auf der Rückfahrt aus Maastricht sauste neulich der linke Scheibenwischer an meinem Fenster vorbei, winkte einmal kurz und rief mir zu, er wolle lieber in den Niederlanden bleiben. (Ich hoffe, er schreibt bald mal ne Karte.) Das sind sogar für die Raben-Autobesitzer unter uns genug Gründe für einen Werkstattbesuch.
Dienstagmorgen ging ich also relativ guter Dinge zu meinem Auto. Es regnete nicht. Gute Voraussetzungen für eine Autofahrt mit nur einem Scheibenwischer. Aber kaum erreichte ich den Wagen, bekam ich ein ungutes Gefühl. Irgendwas stimmte nicht. Irgendwas war anders. Mit kritischem Blick begann ich, um das Auto herumzulaufen…alle Scheiben ganz, Antenne auch noch dran, keine Delle drin…aber…HA! – ist doch der vordere linke Reifen platt. Erst dachte ich noch, naja, das liegt daran, dass das Auto jetzt zwei Wochen unbewegt in der prallen Sonne stand, da kann das schon mal passieren, ist ja auch nicht so schlimm, da kann man schließlich was dagegen tun: Touring anrufen.
Touring, müsst ihr wissen, ist das belgische Pendant zum ADAC, nur besser. Das muss man den Belgiern lassen. Während man nämlich in Deutschland den ADAC anruft und dann eeeeeeeeeeeewig wartet, bis da mal wer kommt, aber die ganze Zeit am/im Auto bleiben muss, weil man ja nicht weiß, wann da nun eigentlich wer kommt, kriegt man von Touring fünf bis zehn Minuten vor Eintreffen eine SMS und kann in der Zwischenzeit ein Eis essen, einen Kaffee trinken, spazieren gehen, endlich mal wieder die Oma anrufen oder was immer einem so einfällt. In meinem Fall hat der gelbe Engel sogar extra angerufen, weil er irgendwo im Stau stand und deswegen sogar 20 Minuten brauchte. Das hat mich beeindruckt. Männer, die anrufen, beeindrucken mich meistens.
Ja, und dann kam er in seiner gelben mobilen Werkstatt, war irrsinnig nett, bester Laune und sah auch noch richtig gut aus. Und hat sich extra für mich mitten in die größte Pfütze Etterbeeks reingekniet, um meinen Reifen abzuschrauben. Ich würde lügen, würde ich sagen, ich hätte die Situation nicht genossen.
Falls der Leser sich jetzt fragt, warum ich nicht einfach selbst meine Reifen wechsle: Dafür gibt es einen ganz einfachen Grund. Ich bin mir zu fein dafür. Ich muss mich da nicht in die Pfütze reinsetzen und mein Büro-Klamöttchen von oben bis unten einsauen, um im Schweiße meines Angesichts dieses Rad von meinem Auto runterzuzerren und dann den Rest des Tages mit ölverschmierten Händen durch die Welt zu laufen. Dafür bin ich ADAC-Plus-Mitglied. Ich bezahle Leute, damit sie solche Dinge für mich tun. So einfach ist das. Und wenn diese Leute so nett sind wie dieser gelbe Engel und sogar in riesigen Pfützen und diesen unförmigen Arbeitshosen eine gute Figur machen, dann halte ich mein Geld für sinnvoll investiert.
In diesem sehr konkreten Fall – um wieder auf den Reifen zurückzukommen – war aber mit einfach-aufpumpen-und-wieder-draufschrauben nichts. Weil nämlich ein Loch im Reifen war. Ein längliches. Ein ziemlich langes sogar. So seitlich, nicht im Profil. Das muss man sich mal vorstellen: Mein Lieblingsauto parkte DIREKT neben der Polizeiwache. Zwischen der Polizeiwache und der Polizeigarage, um genau zu sein. Also genau DORT, wo ständig Polizei vorbeifährt oder -reitet. Und genau DA setzt sich jemand hin und schneidet fein säuberlich mit seinem Taschenmesser meinen Reifen auf. Der gelbe Engel meinte auch, das sei ganze Arbeit gewesen und habe den Schneider wohl ziemlich viel Mühe gekostet, so wie der Schnitt aussähe. Und ich könne noch froh sein, dass wenigstens nur ein Reifen dran glauben musste, meistens hätten diese Leute so ein derart langweiliges Leben, dass ihnen nichts besseres mit ihrer Zeit anzufangen einfällt, als alle vier Reifen ihres “Opfers” zu plätten. Wahrscheinlich habe ich das der Nähe zur Polizei zu verdanken, sagt der gelbe Engel. Und das finde ich nun erst so richtig verrückt.
Ich meine, wenn ich mir vorstelle, ich wäre jetzt mal ein Vandale. Lasst mich mal überlegen. Ich bin jetzt also wütend auf irgendwas (wahrscheinlich weiß der Vandale selbst nicht so genau worauf eigentlich) und will irgendwas kaputtmachen, was vor allem nicht mir gehört. Dann such’ ich mir doch was, was schnell und mit lautem Getöse den ursprünglichen intakten Zustand verlässt, um in einen besonders beeindruckend jämmerlichen kaputten Zustand überzuwechseln. Also zum Beispiel könnte man einen Pflasterstein nehmen und ein Fenster einwerfen. Das macht Krach, sieht beeindruckend aus und gibt besonders jämmerliche Scherbenhaufen. Zur Not kann man auch ein Autofenster nehmen. Wenn man kräftig genug ist, könnte man auch eine Haustür eintreten. Meinetwegen nimmt man einen Baseballschläger und haut ein ganzes Auto inklusive Karosserie kurz und klein. Das wünsche ich alles zwar keinem und würde so was auch nie selbst tun, aber das hätte wenigstens den vom Vandalen vermutlich gewünschten Effekt. (Hat ein Vandale Wünsche und Pläne und Ziele?) Zugegeben: Auch das weinerliche “Pfüüüüüüh!”, das mein Autoreifen von sich gab, als der gelbe Engel versuchte, ihn zu beatmen, war ganz schön jämmerlich. Nur muss man zum Reifenaufschneiden einen Plan haben und einen sehr langen Atem. Will sagen: Wenn ich was kaputtmachen will, dann setze ich mich doch nicht in aller Ruhe auf den Boden, packe ein Messer aus und verbringe die nächste Viertelstunde damit, einen Reifen mehr oder weniger sauber zu sezieren. So was macht man doch nur aus persönlichen Rachegefühlen. Also zum Beispiel an einem richtig teuren Auto. Und nicht an einem alten, schmutzigen Toyota, dessen linker Scheibenwischer sich derzeit in Holland aufhält und für den man auch noch bis zur Kaserne latschen muss und bestimmt nicht einfach zufällig dran vorbeikommt. Oder man macht das an dem Auto von jemandem, den man persönlich einfach wahnsinnig hasst. Ich kann mir jetzt aber nur sehr schwer vorstellen, dass irgendjemand aus meinem Brüsseler Bekanntenkreis derart heftige Gefühle für mich entwickelt hat. Mal davon abgesehen, dass ich keinen “eigenen” Parkplatz habe und nicht viele meiner Bekannten in Brüssel mein Auto kennen. Man müsste folglich sogar Recherche-Vorarbeit leisten. Also, da wissen meine Bekannten hier in Brüssel nun wirklich besseres mit ihrer Zeit anzufangen. Kurz gesagt: Die Sache ist mir ein Rätsel.
Ich habe dem gelben Engel also dabei zugesehen, wie er mein niedliches Reserverädchen an mein Auto dranbastelte, den Kopf geschüttelt und mich daran gemacht, das Auto mit dem kaputten Auspuff, den vermutlich kaputten Bremsen, dem kaputten Scheibenwischer und jetzt auch noch dem kaputten Reifen im Kofferraum auf dem niedlichen gelben Reserverädchen zu einer Filiale einer in Brüssel sehr bekannten Kfz-Werkstatt-Kette zu fahren. Obwohl “fahren” zu viel gesagt ist. Wegen einer völlig unbegründeten, dafür aber umso absoluteren Straßensperre eines vierspurigen Boulevards (Bienvenue en Belgique), den daraus resultierenden Staus hinter in den Gässchen von Ixelles hängen gebliebenen LKWs und zweier Baustellen brauchte ich für eine fünf-Minuten-Fahrt beinahe eine Stunde. Aber auch der Mann von der Werkstatt war nett, holte erstmal einen Schreibblock und notierte brav die ganze Liste, was mit meinem Auto so zu tun sei. Er wirkte dabei vollkommen ruhig, allerdings guckte er mich ein bisschen ängstlich an, als er fragte, ob ich den Wagen am gleichen Tag noch bräuchte. Dann besah er sich die Länge der Liste in seiner Hand und anschließend mich von oben bis unten, in meinen knallpinken Schühchen und einer alles andere als blickdichten Sommerbluse, und sagte: “D’accord. Je vois.” (zu deutsch: “In Ordnung – ich sehe schon…”). Hätte er nur mal genauer hingesehen. Als ich den Wagen nämlich wieder abholen durfte – mit neuen Reifen, neuen Scheibenwischern, einem neuen Auspufftopf und so weiter – wunderte ich mich dann doch, dass die Rechnung unter 1000 Euro blieb. Näher besehen war das dann aber gar nicht mehr so seltsam: Der Herr Mechaniker hat mir doch tatsächlich Sommerreifen an mein Auto drangebastelt! Seit Jahren, also, eigentlich schon immer, fahre ich Alljahresreifen. Wo soll ich denn auch die Reifen einlagern, mal davon abgesehen, dass ich sie sowieso niemals selbst wechseln würde? Andererseits dachte ich mir aber, vielleicht ist das gar nicht so dumm vom Herrn Mechaniker. Der Herr Mechaniker ist immerhin Belgier und kennt vielleicht sogar Vandalen, er hat also Erfahrung mit in Brüssel geparkten Autos. Wer weiß, wann der nächste Vandale vor lauter Langeweile seine Messersammlung um die Kaserne spazierenträgt. Und wenn ich es mir schon aussuchen darf, dann habe ich lieber einen aufgeschnittenen billigen Sommerreifen, als neue teure M+S-Reifen wegen Schnittwunden wegzuwerfen. Man muss eben einfach immer alles irgendwie positiv sehen. Auch und vor allem in Belgien. Solange es dieses Land noch gibt. Aber das ist eine andere Geschichte.
Na bei dir in Brüssel haben die Vandalen ja lustige Wege um ihren Stress los zu werden. Hier in Dublin biegen sie meistens die Räder von Fahrrädern um. Und von Zeit zu Zeit zünden sie ein Auto aus Langeweile an. Bist du ja eigentlich noch glimpflich davongekommen. Und dann wird dir noch für kostenlos einen gutaussehenden Engel geschickt der mit seinen empfindsamen Händen weiß wie er eine Frau morgens glücklich machen kann. Da würden andere doch neidisch werden :-)
Naja, “für kostenlos” ist das jetzt eher weniger gewesen, aber immerhin haben sie mir ihren hübschesten Mechaniker geschickt. Man muss alles positiv sehen.
Nur mein Vater hat mich zum Lachen gebracht, als er mich allen Ernstes fragte, ob ich die Sachbeschädigung bei der Polizei angezeigt hätte. Das macht man aber anscheinend in Deutschland so. Siehste mal. Andere Länder, andere…