Irisches Roulette

Hier in Irland scheint eine Form des Glücksspiels besonders ausgeprägt zu sein: Irisches Roulette. Es hat einen nahen Verwandten – das russische Roulette. Ich stelle hier gleich mal beide Spiele vergleichend vor (“R” für Russisches Roulette, “I” für Irisches):

1. Beschreibung:
R: Russisches Roulette ist ein potentiell tödliches Glücksspiel, das mit einem Revolver gespielt wird (Quelle: Wikipedia)
I: Irisches Roulette ist ein potentiell tödliches Glücksspiel, das mit motorisierten Fahrzeugen gespielt wird (Quelle: der Autor)

2. Spielverlauf:
R: Der Spieler hat einen Trommelrevolver in dem die Position der Patrone unbekannt ist, er feuert die Waffe dann an die Schläfe gehalten ab. Der Spieler hofft hierbei, dass sich in diesem Magazinfach keine Patrone befand.
I: Der Spieler versucht eine stark befahrene Straße (a) zu betreten und (b) zu überqueren. Der Spieler hofft hierbei auf der anderen Straßenseite lebendig/unbeschädigt anzukommen.

3. Spielziel:
R: Jeder, der nicht durch eine Kugel im Kopf stirbt kann sich als Gewinner bezeichnen.
I: Jeder, der es schafft die Straße zu überqueren ohne von einem Fahrzeug getötet oder verletzt zu werden hat gewonnen.

4. Zeitvorgaben und Spielende:
R: I.d.R. endet das Spiel durch Ausscheiden eines Spielers. Auf Wunsch kann auch vorher unterbrochen werden. Das Spiel wird von den meisten Spielern tendenziell sehr selten gespielt aufgrund des doch eher finiten Wiederholungsmöglichkeit. Beim Verzögern oder Nichtausführen des Spielzuges reagieren freiwillige Gegen-/Mitspieler tendenziell ungehalten, unfreiwillige eher panisch.
I: Oftmals wird das Spiel von Zwischenfällen nur temporär unterbrochen (3 Monate Krankenhaus) die Spieler werden dann oft rückfällig. Weniger oft endet das Spiel durch endgültiges Ausscheiden des Spielers. Zeitlimits während des Spiels existieren nur durch die eigenen Erwartungen der Spieler. Im Gegensatz zum R. Roulette entschärft sich die prekäre Situation durch Warten meist von alleine (grüne Ampel). Aufgrund der geringeren Lebensgefahr kann jeder Spieler quasi beliebig oft spielen (bis er endgültig oder zeitweise ausscheidet).

5. Spielmaterialien:
R: (a) einen Trommelrevolver mit (b) einer einzigen Patrone im Magazin.
I: (a) eine öffentliche Straße, (b) eine nicht zu geringe Menge fahrender Autos auf selbiger. Optional für erfahrene Spieler: (c) Kinderwagen mit Kind.

6. Zielgruppe:
R: Spieler benötigen entweder (a) Mut und/oder Leichtsinn oder (b) tiefe Verzweiflung
I: Spieler benötigen sowohl (a) Unverfrohrenheit als auch (b) Mut und Leichtsinn aber vor allem auch (c) schnelle Reaktionszeit, (d) gutes Einschätzen von Geschwindigkeiten und (e) körperliche Fitness.

7. Chancen:
R: je nach Magazingröße, meist 1:5 (Tod:Überleben).
I: stark abhängig von individueller (a) genereller und (b) momentaner Spielercharakteristik und -verfassung; aber auch von (c) Verkehrsdichte und -geschwindigkeit und (d) Reaktionsvermögen des jeweils herausgeforderten Fahrers. Überlebenschancen schwanken subjektiv beobachtet zwischen sehr wahrscheinlich und ganz gering zu liegen. Die Vorstellung keine Einzelereignisse sondern wiederkehrende Spielergewohnheiten zu beobachten lässt unbedarfte Beobachter oft sprachlos werden.

8. Preisgelder/Trostpreise:
R: bei Überleben entweder (a) hohe Summen Geld oder (b) Immaterielles von hohem Wert. (c) Ansonsten: “Gehen sie nicht über Los, ziehen sie keine 4000€ ein”.
I: bei Überleben gewinnt man (a) das Erreichen der anderen Straßenseite im Durchschnitt 20 Sekunden eher als potentielle Mitspieler. Ansonsten (b) bei leichter körperlicher Beschädigung: eventuell Schmerzensgeld, eventuell auch bleibende körperliche Schäden, eventuell Mitleid der Mitmenschen. (c) Bei Todeseintritt: Erstattung der Lebensversicherung und eventuell Begräbniskosten (Trostpreis für die Angehörigen, nicht die Spieler).

9. Beliebtheit/Toleranz in der Bevölkerung:
R: anscheinend nicht sonderlich hoch.
I: erschreckend hoch!

10. Praktische Beispiele:
R: Im Film Léon – Der Profi zwingt Mathilda Léon mit der Drohung Russisches Roulette zu spielen dazu sie auszubilden.
I: (a) Ein Jugendlicher überquert eine dreispurige Straße an einer roten Ampel im dichten Rushhour-Verkehr. (b) Eine junge Mutter schiebt ihren Kinderwagen (mit Kind!) auf die Straße in ein Gespräch vertieft mit der neben ihr laufenden Person und schaut erst in beide Richtungen der Straße als der Kinderwagen mindestens 30cm auf der Fahrbahn steht. (c) Spieler beliebigen Alters schauen beim betreten der Fahrbahn in die falsche Richtung und erst mit den nächsten zwei Schritten in die Richtung aus der der Verkehr auf ihrer Seite zu erwarten ist. (d) Spieler beliebigen Alters treten vom Bürgersteig auf den Fahrradweg und schauen sich erst nach zwei Schritten um, ob hinter ihnen ein Auto kommt (während Fahrradfahrer sie bis dahin oft fast überfahren). (e) Spieler mit offensichtlichen Gebrechen (Krücken, Gibs, etc.) ignorieren ihre langsamere Geschwindigkeit und bewegen sich, wie wenn sie gesund wären. (f) Spieler aller Altersklassen treten auf die Straße ohne sich umzusehen, nur weil sie keine Auto hören können – sehr zum Leidwesen der Fahrradfahrer.

11. Häufigkeit:
R: Hat der Autor (zum Glück) noch nicht live erlebt. (Und auch nicht death…)
I: Beispiel (b) sieht man erschreckenderweise etwa jede Woche einmal! Beispiel (d) hat mich fast schon mal vom Fahrrad geschmissen, ansonsten sieht man das mindestens einmal die Woche, vielleicht sogar täglich. (c) und (f) sieht man etwa jeden zweiten Tag. (e) sieht man ab und zu – diese Spieler fluchen erfahrungsgemäß auch am meisten über die Autofahrer. Beispiel (a) konnte ich letzte Woche beobachten und mir blieb tatsächlich der Mund offen stehen vor Erstaunen/Entsetzen (und das passiert echt nicht oft) – was mich sowohl zu der Überzeugung brachte, dass dieses Verhalten eben doch eine Art Glücksspiel ist als auch veranlasste diesen Artikel zu schreiben.

Hoffe die Spielmodalitäten sind hiermit ausreichend erklärt. Für Ergänzungen aus dem eigenen Erfahrungsbereich bin ich gerne offen.

Von Selbstversuchen (beider Spielarten) wird hiermit aber bitte dringlichst abgeraten!

Ein Kommentar vorhanden.

  1. Bente schreibt am 21.06.2010 21:14:

    Du sprichst mir total aus dem Herzen. Während du aber vor allem die zwei Perspektiven “Radfahrer” und “Fußgänger” kennst, kenne ich vor allem “Autofahrer” und “Fußgänger” Und ich kann dir sagen, das ist eine Kombination, die auch in Belgien anscheinend nicht so oft anzutreffen ist. Insbesondere Fußgänger plus Kinderwagen ist der größte Feind des Autofahrers (entspricht deinem Beispiel b) ). Man kann auch in Belgien jedenfalls mit Fug und Recht behaupten: Wenn man hier aufwächst und irgendwann endlich laufen kann, dann ist das Schlimmste überstanden, denn Mütter scheinen es hier für einen besonderen Härtetest zu halten, ihre Kinder im Kinderwagen einfach mal vor nicht im Mindesten langsamer werdende Autos zu schieben. Wollen wohl herausfinden, wer der Stärkere ist – ihr Sprössling oder das Auto. Ich habe da so nen dumpfen Verdacht, wie das ausgehen könnte und deswegen immer irgendwie gebremst, auch wenn die Damen ihre Kinder wirklich auf heimtückisch hinterhältige Weise vor den Kühlergrill bugsieren. Im Dezember schob mir eine mal ihren Nachwuchs bei dichtem Schneegestöber in einem weißen Kinderwagen aus dem toten Winkel bei einer roten Fußgängerampel vors Auto. Vielleicht ist diese Version des bekannten Glücksspiels dann “belgisches Roulette”?

 
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