Aufruf die Kassenzulassung zurückgeben

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Dies hier ist ein öffentlicher Brief meines Vaters (Helmuth Mauer) an alle bayerischen Kassenärzte, mit der Aufforderung doch ihre Kassenzulassungen zurückzugeben. Der Brief ging als Email am 3.2.2008 an diversen Ärzte-Newslettern. Hintergrund war der Protesttag der bayerischen Kassenärzte gegen die Kassenärztliche Vereinigung und deren Abrechnungssysteme.

Der Artikel wird hier mit der Genehmigung des Autors unverändert wiedergegeben. Links wurden ergänzt, wenn ich den Eindruck hatte es könnte dem Leser nützen etwas schneller nachzulesen. Für Hinweise auf bessere Links bin ich gerne offen (als Kommentare im entsprechenden Post oder an peter_mauer (at) gmx (dot) de).
Hier haben wir auch noch seinen zweiten Aufruf an die Ärzte des Landkreises.

Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Ich muß mich jetzt auch mal zu Wort melden, nachdem sich die ersten Wellen der Begeisterung gerade legen. 5 Tage sind es her seit der Hausarztversammlung in Nürnberg. Ja, ich war auch dabei, zusammen mit den meisten Kollegen aus dem Raum Naila sowie etlichen aus Hof und Münchberg.
Schon die Tatsache, daß mehrere Ärzte zusammen im Bus zu einer Kundgebung/Versammlung , wie auch immer, gefahren sind, war für mich eine neue Erfahrung. Wir sind doch eigentlich die geborenen Einzelkämpfer, Chefs im eigenen Haus, keine Gruppe, die auf Zuruf die Koffer packt und brav in einen Bus zur Demo einsteigt. (Hand aufs Herz: wie oft haben Sie in den vergangenen Jahren als Kassenarzt an einer ähnlich gearteten Versammlung teilgenommen? Also, ich bin in den letzten 26 Jahren als niedergelassener Hausarzt/Kassenarzt 1x (in Worten: ein Mal) mit meinen Helferinnen in Bayreuth auf einer Demo gewesen, aber leider kann ich schon gar nicht mehr sagen, um was es da vor 5 oder 10 Jahren ging. Die Wirkung war offensichtlich nicht sehr prägnant und durchschlagend.)
Ich will damit nur sagen: wir Hausärzte sind im Schnitt eher nicht die geborenen Revoluzzer oder Systemaussteiger. Stimmt’s?
Das nun in Nürnberg trotzdem so viele dabei waren, hat mich sehr beeindruckt. Ob es nun 5000, 7000 oder 8500 waren, ich kann solche Mengen schlecht abschätzen. (Vielleicht macht sich mal wer die Mühe und zählt die Leute, die auf den Fernsehaufnahmen zu sehen sind. Sollte doch auch möglich sein, da wäre man der Zahl zumindest bis auf ein-zweihundert recht nahe, weil die gerade am Klo oder eben nicht auf den Bildern zu sehen sind. Vielleicht gibts sogar einen Patch in irgend einem Fotobearbeitungsprogramm, das Gesichter zählt? Dann sollten wir mal alle privaten Fotos ins Netz stellen von dieser Veranstaltung)
Aber eigentlich hoffe ich doch, daß der Notar/Rechtsanwalt aus Kiel [HP: Frank Schramm] im Laufe der nächsten Tage die Zahlen der Stimmzettel in den Urnen bekannt gibt, zusammen mit den dann erreichten Prozentzahlen der einzelnen Bezirke. Ich bin mir nach diesem ganzen Hin-und-Her der letzten Wochen (per Fax und email) eigentlich ziemlich sicher, daß mindestens 50 % der bayerischen Kassenärzte ihre Zulassungsverzichtserklärung in die Urnen geworfen haben, evtl. sogar viel mehr.
Und das finde ich noch beeindruckender als die gemeinsame Busfahrt: Die Hälfte (mindestens) der bayerischen Hausärzte haben begriffen, daß es in dem momentanen System mit der KV eigentlich nur noch bergab geht. Daß es seit Monaten und Jahren statt einem vereinbarten Punktwert von 5,11 C [Wiki bzw. Wiki] nur noch rund 60-70% davon gibt und damit unsere eigentlich betriebswirtschaftlich kalkulierte Vergütung im EBM 2000 plus halt einfach nicht mehr kostendeckend erfolgt [siehe auch BAO-Päsident Wulf bereits 2005 etc etc]. Daß wir arbeiten wie blöd, und am Ende stehen wir mit leeren Händen da. Daß im Normalfall unsere Frauen mitarbeiten, um den Laden am Leben zu erhalten. Daß die Kassen den Patienten am Telefon immer noch versichern, daß sie natürlich alles zahlen, was der Arzt aufschreibt, aber nicht sagen, daß die Überschreitungen mit Regressen geahndet werden, die der Arzt dann aus seiner eigenen Kasse zahlen darf, auch noch nach Jahren. (Nachdem die Kassen Widerspruch eingelegt haben, sind die Regressandrohungen vom November 2007 erst mal wieder auf dem Tisch. Bei mir sind es 50 000 Euro [siehe auch MSN Nachrichten oder Suche der Ärztezeitung (der Springerverlagsgruppe!)]. Die habe ich nicht, weder im Geldbeutel noch auf einem Festgeldkonto. Und wenn ich sie hätte, es wäre mein sauer verdientes Geld, nicht irgendein Bonus, den sich die Kassen gerne holen können!)
Also, echt, ich habe dazu keine Lust mehr!
Ich bin Hausarzt auf dem Land mit Leib und Seele, vor 29 Jahren freiwillig an die ehemalige Grenze gezogen (genau 1 km Luftlinie nach Thüringen), außer toller Landschaft gibt es bei uns nur die Oberfranken, ein eigenes Völkchen, aber mit denen komme ich prächtig zurecht.
Was mich nervt, sind die sturen Köpfe in KV und Kassen. Bei sämtlichen Faxen/mails der letzten Wochen habe ich zu 99 % nur eines gelesen: Nach der Rechtsvorschrift oder dem Urteil ist das Aussteigen oder der Systemumstieg mit den oder den Konsequenzen verbunden. Dies oder das darf ich gefälligst auf gar keinen Fall machen, wenn ich irgendwie im KV-Kassensystem bleiben will. Und sollte ich ja aussteigen wollen, dann wird es auf alle Fälle noch viel schlimmer für mich und meine Praxis. [Rundbriefe der KV]
Dabei bin ich im Moment auf der Nulllinie meiner finanziellen Möglichkeiten angelangt. Im Klartext: bereits vor einigen Monaten habe ich einen Betriebsmittelkredit aufgenommen, um das Girokonto bei der Apobank nicht ständig mit den eigentlich erlaubten 36 000 E. Kontokorrentrahmen zu überziehen. Das bedeutet, daß ich bei einer gut laufenden Praxis mit 12-1300 Patienten im Quartal einen Kredit benötige, um die Telefonkosten etc. zu zahlen. Wenn es bei Ihnen noch nicht so dramatisch ist, Glückwunsch!
Die Prognosen für 2009 sprechen von 30 % Umsatzrückgang. (Haben Sie noch soviel auf der hohen Kante, um mit den Einnahmen der letzten Jahre die Ausgaben der kommenden Jahre zu bezahlen? Bei gut laufender Kassenpraxis natürlich, dazu sind Sie ja verpflichtet, als Kassenarzt)
Weichen Sie doch einfach auf mehr IGeLn aus, dann sehen Sie selbst, wie absurd das wird: nebenher Geld verdienen, um weiterhin Kassenpatienten behandeln zu dürfen, die mehr kosten als die Behandlung einbringt.
Oder saugen Sie sich halt mehr Privatpatienten aus den Fingern, damit kann eine Praxis schließlich auch überleben. Absurdistan läßt grüßen: sollen wir die Einnahmen aus der Privatpraxis in die Finanzierung der Behandlung der Kassenpatienten stecken, um die Kassen zu ermuntern, weiter an uns zu sparen?
Wie wäre es, am Wochenende nach England zu fliegen, um dort mit Bereitschaftsdiensten oder wer weiß was etwas dazu zu verdienen? Um Geld zu erwirtschaften, daß mir die Kassen für die gleiche Arbeit hier verweigern? Meine Freizeit und Arbeitskraft völlig aufzubrauchen, um die Finanznöte der Kassen auszugleichen?
Wie man es auch dreht und wendet, die momentane Lage ist so: Als Vertrags- oder Kassenarzt bin ich von den Verträgen zwischen KV und Kasse absolut abhängig. Und diese Verträge sehen ganz offiziell ein Loch von rund 30% spätestens 2009 vor.
Und dieses Loch wird mich in die Insolvenz treiben. Auf deutsch: wenn ich meine Kassenpraxis zu den bestehenden Bedingungen weiter betreibe, bin ich nächstes Jahr pleite. Meine Praxis (ein tolles Haus, vor 5 Jahren neu renoviert [denkmalgeschützt und ausgezeichnet]) gehört dann der Bank. Und ich bekomme nicht einmal Hartz IV oder sowas ähnliches. Höchstens Angebote des Arbeitsamtes, in einem MVZ anzufangen, dort werden sicher bald viele neue Stellen ausgeschrieben. Zu Bedingungen, die – na wer wohl? – die Kassen festlegen. Super!
Die einzige Konsequenz für mich besteht darin, daß dieses System fallen muß, weil es am Ende ist. Wie auch immer das aussehen mag, was auf mich zukommt: mehr als Pleite gehen kann ich nicht. Und es besteht zu mindest ein Hoffnungsschimmer, daß entweder ein neuer Vertrag mit für uns Ärzte günstigeren Bedingungen ausgehandelt werden kann (von Medi, BHÄV oder wem auch immer) oder daß ich meine Patienten nach GOÄ 1-fach-Satz behandle und die sich dann mit ihren Kassen streiten, wieviel sie davon erstattet bekommen. Ohne Gefahr eines Arzneimittelregresses, eines Heilmittelregresses, eines irgendwie floatenden Punktwertes…
Ich stelle mir vor: ich kann einfach nur als Hausarzt arbeiten. Das, was ich gelernt habe und mit Begeisterung auch tue. Zu Bedingungen, die mir ein Leben vor dem Tod ermöglichen. (Übrigens ein Zitat von Dr. Gabriel Schmidt, 1. stellv. Vorsitzender der KV Bayern, auf der Vertreterversammlung am 17.3.07 in München). Das wär’s doch, oder? Hallo, Herr Schmidt, DAS WÄR’S DOCH!!!
Mein Wunsch an alle Kolleginnen und Kollegen: macht die Augen auf und steigt aus dem momentanen System aus. Es fährt mit oder ohne euch voll an die Wand. Und besser, man sitzt dann nicht mehr im Auto, wenn es kracht. Um im Bild zu bleiben: haltet an, steigt aus und laßt den Wagen
weiter auf den Abgrund zu fahren, der vor uns liegt. Dann dreht euch um und geht einen neuen Weg. Es wird nicht zum Schaden unserer Patienten sein, wenn die KV aufgelöst wird und wenn die Kassen umdenken müssen. Und es wird auch für uns Ärzte gut sein, wenn wir nicht bei jeder Quartalsabrechnung gucken müssen, ob schon wieder 10000 Euro weniger als im letzten Quartal überwiesen wurden. Wenn wir als Ärzte arbeiten, zum Wohl der Patienten, aber nicht als Leibeigene der Kassen.
Was soll ich noch sagen?
Aussteigen müßt ihr selbst.

Mit freundlichen kollegialen Grüßen

Helmuth Mauer

P.S.: In der Anlage hab ich die mail angehängt, die ich nach der Regressandrohung vom letzten November als offenen Brief an die KV Bayern geschrieben habe (bis heute ohne Antwort. Warum?) Wurde im Kassenarzt Nr 22 als Glosse abgedruckt, hat aber vielleicht nicht jeder gelesen. [Link zum Artikel "Meine Arzthelferin spinnt!!!"]

H.M.

 
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